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Afghanistan-Einsatz : Vor dem Abzug

Der militärische Druck auf die Aufständischen wird nachlassen, selbst wenn ein internationales Kontingent in Afghanistan bleibt Bild: AFP

Um den Rückzug aus Afghanistan nicht als Niederlage erscheinen zu lassen, müssen früher formulierte Ziele umdefiniert werden. Vom Aufbau einer funktionstüchtigen Demokratie ist längst nicht mehr die Rede. Und es ist fraglich, ob die Taliban dem Westen einen gesichtswahrenden Abgang verschaffen.

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          In Afghanistan beginnt der Truppenabzug, und in manchen Äußerungen, die ihn begleiten, sitzen die Taliban schon so gut wie am Verhandlungstisch. Diplomaten flüstern seit Monaten von Annäherungen, unlängst meldete Präsident Karzai sogar „Friedensgespräche“ unter Einschluss Washingtons. Der scheidende amerikanische Verteidigungsminister Gates bestätigt zwar nur „vorbereitende Kontakte“, wagt aber die Einschätzung, dass schon im Winter „Verhandlungsfortschritte“ möglich seien. Das fiele dann in die Zeit der Bonner Afghanistan-Konferenz, weshalb das Auswärtige Amt dort eine radikalislamische Aufstuhlung nicht mehr ausschließen will.

          Der Optimismus macht manchmal vergessen, dass er allein auf dem verzweifelten Wunsch beruht, sich verbreiten zu dürfen. Die internationale Schutztruppe Isaf zieht sich eben nicht aus einer „Position der Stärke“ zurück, wie Amerikas Präsident behauptet, sondern aus Einsicht in die allgemeine Gefechtslage, in Afghanistan wie zuhause, in den Truppenstellerstaaten.

          Selbst Nato-Generäle dürfen den Krieg mittlerweile als „nicht zu gewinnen“ darstellen. Deutlicher kann man kaum eingestehen, dass die Erfolgsmeldungen der letzten Monate über ausgeschaltete Taliban-Kommandeure und freigekämpfte Gebiete nur Lichtblicke in einem ansonsten düsteren Umfeld geblieben sind. Zwei Milliarden Dollar lässt sich die wirtschaftlich schwächelnde Weltmacht ihren Einsatz am Hindukusch kosten – pro Woche. Das vergangene Jahr war für die Nato, insbesondere für die Amerikaner, das verlustreichste überhaupt; vom laufenden könnte es noch übertroffen werden. Das Misstrauen in den Sinn des Einsatzes ist in den Gesellschaften der Isaf-Staaten auf ein Maß gestiegen, das Regierungen nervös werden lässt.

          Um den jetzt erstmals bezifferten Rückzug – Amerika wird zwischen diesem und nächstem Sommer 33.000 Mann oder ein Drittel seines Kontingents heimholen – nicht als Niederlage erscheinen zu lassen, müssen einmal festgelegte Ziele umdefiniert werden. Vom Aufbau eines funktionstüchtigen demokratischen Gemeinwesens ist schon länger nicht mehr die Rede. Die Zustimmung zur Verfassung und zu Menschenrechten steht vermutlich nur noch pro forma auf der Liste der „Verhandlungsbedingungen“ für die Taliban. Hervorgehoben wird stattdessen, dass „harte Ziele“ erreicht werden müssten: das Taliban-Regime aus Kabul vertrieben, Afghanistan kein sicherer „Al-Qaida-Hafen“ mehr, Usama Bin Ladin getötet. Gefunden werden müssen jetzt nur noch eine Verhandlungslösung und ein „Rezept“, das – wie Henry Kissinger das vor dem Abzug aus Vietnam einmal unverblümt ausgedrückt hat – „die Dinge noch für jene ein, zwei Jahre zusammenhält, nach denen sich dann niemand mehr einen Dreck darum kümmert“.

          Die Aufständischen wissen, dass das Schlimmste hinter ihnen liegt

          Doch es ist fraglich, ob die Taliban-Führung dem Westen einen dergestalt gesichtswahrenden Abgang verschafft. Die Aufständischen mögen Verluste erlitten haben und „kriegsmüde“ sein, wie in Kabul beteuert wird. Aber sie wissen auch, dass das Schlimmste hinter ihnen liegt. Die Soldaten, die einmal zu Hause sind, kommen nicht wieder. Der militärische Druck wird nachlassen, selbst wenn am Ende ein internationales Kontingent in Afghanistan verbleibt. Mullah Omar dürfte daher genau abwägen, wie viel ihm eine Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft zum gegenwärtigen Zeitpunkt bringt.

          Bislang ist er trotz erster Entgegenkommen, etwa des Streichens der Taliban von der UN-Terroristenliste, bei seiner Haltung geblieben: keine Gespräche, solange noch Nato-Truppen im Land sind. Dass es 130.000 internationale und mehr als doppelt so viele afghanische Soldaten nicht geschafft haben, seine Männer in die Knie zu zwingen, könnte ihn in der Hoffnung bestärkt haben, nach dem Nato-Abzug die Macht in Kabul im Alleingang zurückzuerobern.

          Profiteure des Karzai-Regimes befehligen die neuen Männer

          Andererseits sollte ihm klar sein, dass Afghanistan nicht mehr das Land von 1996 ist, als seine Gotteskrieger relativ widerstandslos in Kabul einmarschieren konnten. Zu den traditionellen Feinden der Taliban wie der Nordallianz sind nun die Profiteure des Karzai-Regimes gekommen, die, bislang jedenfalls, die neuen Männer unter der Fahne der Afghanischen Nationalarmee befehligen. Selbst wenn sich die Taliban militärisch durchsetzten, bliebe das Land gespalten und in manchen Teilen unkontrollierbar. Nach zehn Jahren Entwicklungshilfe hat sich aber auch die Gesellschaft verändert. Die Menschen haben Schulen und Krankenhäuser, viele auch Strom und Handys, und sehnen sich nach allem, nur nicht nach einem zivilisatorischen Rückschritt.

          Gelingt es der internationalen Gemeinschaft nicht, die Taliban-Führung mit solchen Argumenten an den Verhandlungstisch zu locken – von zwingen kann nun keine Rede mehr sein –, stehen Afghanistan verdrießliche Zeiten bevor, im schlimmsten Fall ein neuer Bürgerkrieg. Die ersten Regionen, die nun ganz in die Obhut Kabuls gelegt werden sollen, könnten von den Aufständischen schon bald in Schauplätze ihrer Kampfkraft verwandelt werden.

          Der Westen kann nicht mehr nur, er muss mit den Taliban verhandeln.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

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