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Afghanistan : Ein Land im Wartemodus

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Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit arbeitet daran, die Zahl der Berufsschulen zu erhöhen und ein System für Ausbildungsplätze zu etablieren. Sie konzentriert sich dabei auf Metallbau, Maschinenbau, Kfz-Technik sowie Sanitär- und Holztechnik. Bisher haben die Berufsschulen nicht einmal Lehrwerkstätten, und nur 40 Prozent der Schulen haben überhaupt einen Stromanschluss. Auch die Lehrer kennen keine praxisorientierte Ausbildung. So kommt es, dass es in einer Autowerkstatt heißt: „Wir reparieren nur Autos bis zum Baujahr 1995, danach machen wir zu viel kaputt.“

Gläubige vor der Blauen Moschee in Mazar. Sie ist das Mausoleum Alis, des ersten Imams der Schiiten, und die wichtigste Wallfahrtsstätte Afghanistans.
Gläubige vor der Blauen Moschee in Mazar. Sie ist das Mausoleum Alis, des ersten Imams der Schiiten, und die wichtigste Wallfahrtsstätte Afghanistans. : Bild: Uta Rasche

Die allermeisten Jugendlichen arbeiten als Tagelöhner oder in der informellen Wirtschaft, sie verkaufen Süßigkeiten und Prepaid-Karten für Mobiltelefone. Manche verbringen eine mehrjährige Anlernzeit im Handwerksbetrieb eines Verwandten. Die afghanische Regierung hat großes Interesse am Ausbau des Berufsschulwesens. „Denn eine Ausbildung, verknüpft mit Staatsbürgerkunde als Unterrichtsfach, gilt als Mittel, Jugendliche vor dem Abgleiten in radikalislamische Milieus zu bewahren“, sagt Gustav Reier, der das Programm für die GIZ betreut. Bisher würden die wenigen Berufsschulplätze aber als Vorbereitung auf die Eingangsprüfungen für die öffentlichen Universitäten missbraucht, sagt Reier. Zugang habe nur die städtische Bildungselite. Eine Privatuni oder einen privaten Vorbereitungskurs können sich nur wenige leisten.

Drinks auf der Dachterrasse

Die Elite des Landes schickt ihre Kinder dagegen zum Studieren ins Ausland. Ghazanfars Neffe etwa hat vor kurzem ein Management-Studium in Indien abgeschlossen. Jetzt ist er mit 25 Jahren stellvertretender Geschäftsführer. In Ghazanfars Repräsentationsetage lädt er zu Drinks auf die Dachterrasse. Dort stehen Lounge-Möbel aus geflochtenem Rohr in der kühlen Abendluft. Drinnen steht ein großes Aquarium mit Fischen, die aussehen wie Baby-Haie und sich gegenseitig jagen. Noch ein Stockwerk höher, unter einem pyramidenförmigen Glasdach, ist ein Buffet aufgebaut. Neben weiß eingedeckten Tischen plätschert aus einer Fontäne unablässig frisches Wasser in den Swimmingpool – Zeichen maßlosen Reichtums in einem Land, das in weiten Teilen unter Trockenheit leidet.

Wallfahrer füttern weiße Tauben vor der Blauen Moschee in Mazar-i-Scharif. Tauben werden im Islam verehrt als Helfer des Propheten.
Wallfahrer füttern weiße Tauben vor der Blauen Moschee in Mazar-i-Scharif. Tauben werden im Islam verehrt als Helfer des Propheten. : Bild: John Wendle/GIZ

Niemand weiß so genau, wie es in Afghanistan nach dem Abzug eines Großteils der internationalen Truppen weitergeht. Die Präsidentenwahl im April 2014, die das Ende der Amtszeit Karzais markiert, bringt zusätzliche Unsicherheit. Von Donnerstag an berät in Kabul die Loya Dschirga, eine Versammlung von 3000 Stammesältesten, Mullahs, Parlamentariern und zivilgesellschaftlichen Persönlichkeiten, über das bilaterale Sicherheitsabkommen mit den Vereinigten Staaten. Vom Ausgang dieser Beratungen wird auch abhängen, in welchem Umfang sich die anderen Nationen, darunter Deutschland, weiterhin an der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte beteiligen.

Investoren zögern 

Die Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft. Viele einheimische Investoren ziehen ihr Geld aus Afghanistan ab und investieren in Dubai. Vor Investitionen im eignenen Land schrecken sie zurück, weil sie fürchten, dass sich die Sicherheitslage verschlechtern wird. So etwa der Präsident der Industrie- und Handelskammer der Provinz Balkh, Arash Younusi. Er plant und rechnet seit Monaten, ob sich eine Fabrik zur Verarbeitung von Baumwolle lohnen würde. Bisher ist er mit 20 Tanklastzügen für den Ölimport eine Art Klein-Ghazanfar. Ghazanfar selbst ficht der bevorstehende Truppenabzug derweil nicht an. „Natürlich, Sicherheit ist die Grundlage für erfolgreiches Wirtschaften“, sagt er. Doch selbst in den schlimmsten Jahren des Bürgerkriegs hat er noch immer gute Geschäfte gemacht.

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