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Afghanistan : Ein Land im Wartemodus

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Lasten werden auf Fahrrädern, Eselskarren, Pickups, Autodächern oder solchen dreirädrigen Motorrad-Lieferwagen transportiert.
Lasten werden auf Fahrrädern, Eselskarren, Pickups, Autodächern oder solchen dreirädrigen Motorrad-Lieferwagen transportiert. : Bild: Uta Rasche

Ein Großteil der Bundeswehrsoldaten soll bis Ende 2014 Afghanistan verlassen – doch Deutschland will sich weiter in dem Land engagieren, in das mehr deutsches Entwicklungsgeld fließt als in jedes andere Land der Welt. Mindestens bis 2016 hat die Bundesregierung 430 Millionen Euro im Jahr zugesagt. Deutschland ist damit nach den Vereinigten Staaten und Japan drittgrößter Geldgeber für Afghanistan. Seit dem Sturz des Taliban-Regimes sind nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 47 und 60 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern dorthin geflossen.

Zelte statt Klassenzimmer 

Wie mühsam es dennoch ist, in Afghanistan Fortschritte zu erzielen, zeigt sich etwa in der Grundbildung. Im Stadtviertel Dashtishor in Mazar-i-Sharif, einer der reichsten Städte des Landes, liegt die Naqshbandi High School, die von fast 5000 Schülern besucht wird. Sie gleicht einem Flüchtlingscamp: 30 Zelte stehen auf festgetrampelter Erde, die sich bei Regen in Matsch verwandelt. Die wenigen „echten“ Klassenzimmer befinden sich in Baracken, deren Fenster keine Scheiben mehr haben. So sieht es in vielen Schulen des Landes aus: In den Bürgerkriegsjahren wurden die Gebäude zerstört, niemals hatte der nur rudimentär funktionierende Staat genug Geld, um sie wiederaufzubauen. Noch sind die Temperaturen in Mazar, das an den Nordausläufern des Hindukusch liegt, tagsüber mild; nachts wird es empfindlich kalt. Sobald es friert, schließt die Schule für zwei Monate. „Aber unsere Kinder wollen unbedingt lernen“, sagt die 36 Jahre alte Lehrerin Khadija Karimi.

Vor der Naqshbandi High School warten diese Jungen in blauen Schul-Hemden, dass der Unterricht der Mädchen endet und sie auf den Schulhof können.
Vor der Naqshbandi High School warten diese Jungen in blauen Schul-Hemden, dass der Unterricht der Mädchen endet und sie auf den Schulhof können. : Bild: Uta Rasche

Die Einschulungsquote liegt in Afghanistan bei 65 Prozent, aber nur 15 Prozent der Schüler erreichen die zwölfte Klasse. Es besteht zwar Schulpflicht bis zur neunten Klasse, aber sie ist nicht durchsetzbar, denn in vielen Familien müssen die Kinder zum Haushaltseinkommen beitragen. „Wir geben das in Gottes Hand“, sagt der Direktor der Naqshbandi High School lächelnd. Weil die Schule nicht genug Platz hat, arbeitet sie im Vier-Schicht-System: Um halb sieben Uhr morgens kommen die älteren Mädchen, drei Stunden später die jüngeren. Mittags um zwölf Uhr stehen die kleineren Jungen vor dem Tor, von drei Uhr nachmittags an lernen die größeren. Für 460000 Euro lässt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit einen Neubau errichten. Er soll möglichst noch vor dem Winter fertig sein. Doch Khadija Karimi zweifelt an dem Zeitplan. „So Gott will“, sagt sie. Arbeiter sind auf der Baustelle jedenfalls nicht zu sehen.

Es gibt keine formale Berufsausbildung  

Trotz widriger Bedingungen ist der Bildungshunger der jungen Generation groß. 2,3 Millionen Jugendliche sind zwischen 15 und 19 Jahre alt; das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei 18 Jahren. Die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen steht jedoch nach der Schule auf der Straße. Formale Ausbildungsplätze existieren nicht, und die Zahl der Berufsschulplätze liegt bei nur 70000. Dazu gibt es etwa 150000 Studienplätze an öffentlichen Hochschulen und 60000 an privaten.

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