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Afghanistan : Die Rückkehr der Taliban

Verwundeter des Nato-Angriffs auf dem Weg ins Krankenhaus in Kundus Bild: AFP

Die Lage in Kundus hat sich in den vergangenen Jahren stetig verschlechtert. Der freundlich winkende deutsche Soldat auf dem Marktplatz wurde spätestens seit Mai 2007 zu einem Bild der Vergangenheit.

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          Der Nato-Kommandeur in Afghanistan, Stanley McChrystal, hatte im Norden schon vor der Präsidentenwahl ein „Erstarken der örtlichen Taliban“ ausgemacht und der Bundeswehr für ihre „herausragende Arbeit“ gedankt. Klagen, die deutschen Soldaten verbrächten eine erholsame Zeit in „Bad Kundus“ sind verstummt, seit die gewaltsamen Aktivitäten der radikalen Islamisten im Norden Afghanistans sprunghaft ansteigen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Als die Bundeswehr im Dezember 2003 das „Provincial Reconstruction Team“ (PRT) in Kundus übernahm, gratulierten die abziehenden Amerikaner den Neuankömmlingen zu ihrem Job. Kundus - die Stadt wie die Provinz - schien fern von den Kämpfen im Süden und Südosten. Die meisten der nordafghanischen Taliban warteten in Pakistan ab oder waren in anderen Teilen des Landes aktiv. Aber mit den Jahren hat sich das geändert.

          Die Bundeswehr igelte sich ein

          Zum einen wuchs der militärische Druck auf die Taliban im Süden, was einige Kämpfer in den Norden ausweichen ließ. Auch wenn im Kabuler Hauptquartier der Internationalen SchutztruppeIsaf „keine breite Bewegung“ erkannt wird, mischten sich die vereinzelten Taliban-Anführer aus dem Süden mit Kampfgefährten, die aus dem Exil in ihre nordafghanische Heimat zurückkehrten.

          Lange Zeit nahm der Widerstand gegen die deutschen Soldaten nur unmerklich zu, denn die Taliban bauten zunächst im Hintergrund Unterstützerstrukturen auf. Spätestens im vergangenen Jahr gelang es den Extremisten, mehrere Gebiete in der Provinz Kundus unter ihre Kontrolle zu bringen und die Stimmung zu kippen. Wer nicht ohnehin mit ihnen sympathisierte, wurde mit Drohungen und Gewalt auf Linie gebracht. Zu einer ihrer Hochburgen wurde Char Darah - jener Ort, in den die Taliban am Donnerstagabend die gekaperten Tanklastzüge der Isaf bringen wollten.

          Nach jedem neuen Anschlag auf Patroullien, nach jedem gefallenen Soldaten igelte sich die Bundeswehr tiefer ein. Der freundlich winkende Soldat auf dem Marktplatz wurde spätestens seit Mai 2007 zu einem Bild der Vergangenheit. Inzwischen wird das Lager in Kundus, in dem fast 1000 Bundeswehrsoldaten leben, wöchentlich von den umliegenden Bergen aus beschossen. Auch wenn die Raketen einfach gebaut sind und ihr Ziel meistens verfehlen, verbreiten sie ein Klima der Bedrängtheit.

          Ausländer fliegen lieber

          Die Hauptstraße zwischen Kabul und Kunduz ist so unsicher geworden, dass Ausländer fast nur noch den Luftweg wählen. Afghanen, die sich noch ins Auto trauen, tragen traditionelle Kleidung, weil Jeans oder T-Shirts von den Aufständischen als Indiz für eine Zusammenarbeit mit Ausländern gesehen werden könnten. Mitarbeiter deutscher Hilfsorganisationen lassen Visitenkarten zuhause und löschen in der Regel die Telefonnummern ihrer Arbeitsgeber sowie Musik-Videos aus ihren Mobiltelefonen, wenn sie sich auf die Straße begeben. Viele von ihnen haben vor der Wahl Kundus verlassen und sind seither nicht zurückgekehrt.

          Der neuen Lage entsprechend stärkte die Bundeswehr ihre Fähigkeit zum Kampf. Im vergangenen Juli beteiligte sie sich mit 300 Mann an der „Operation Adler“, die die Taliban aus Char Dahar vertreiben sollte. In den Wochen danach, berichten Korrespondenten, war es ruhig in der Stadt, in der auch ein deutsches Wiederaufbauprojekt unterhalten wird. Aber inzwischen sind die Taliban offenbar zurück.

          Eine „lokale Lösung“ empfiehlt General McChrystal für Kundus. Einerseits müssten die Aufständischen weiterhin „klassisch bekämpft“ werden, andererseits sollten die Gründe gesucht und gefunden werden, die einen immer größeren Teil der paschtunischen Bevölkerung „anfällig für die Aktivitäten der Taliban“ machten. Einen dieser Gründe haben die Nato-Truppen nun möglicherweise selber geliefert, sollte sich bewahrheiten, dass die Bombardierung der beiden Tank-Lastwagen auch viele Zivilisten das Leben gekostet hat.

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