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Afghanistan : Der große Rückzug

Bild: reuters

Zehn Jahre nach „9/11“ wird das Kapitel Afghanistan geschlossen. Amerika wird künftig nur zurückhaltend militärische Engagements eingehen: Das nationale Interesse, die direkte Bedrohung allein werden wieder der Maßstab sein.

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          Es ist Zeit, uns jetzt auf den Wiederaufbau Amerikas zu konzentrieren - das ist der Schlüsselsatz in der Rede Obamas, in der er den Abzug von mehr als dreißigtausend Soldaten aus Afghanistan angekündigt hat. Der Satz ist aber noch mehr, er ist das Grundmotiv dieses Präsidenten. Nach rund einem Jahrzehnt militärischer Interventionen, die das amerikanische Militär an die Grenze der Belastbarkeit gebracht und den amerikanischen Steuerzahler viel, viel Geld gekostet haben, beginnt der große Rückzug.

          Das wird nicht die moderne Variante des amerikanischen Klassikers namens Isolationismus sein; dafür sind die Vereinigten Staaten heute zu eng mit der globalisierten Welt verflochten. Aber der Schwerpunkt ihrer Politik wird auf den vielen inneren Baustellen liegen - von der Konsolidierung aus dem Ruder laufender Staatsfinanzen über eine Reindustrialisierung bis hin zu den Schulen. Amerika wird künftig nur zurückhaltend militärische Engagements eingehen: Das nationale Interesse, die direkte Bedrohung allein werden wieder der Maßstab sein.

          Der kluge und der dumme Krieg

          Obama nannte den Krieg in Afghanistan einmal den „klugen“ im Unterschied zum „dummen“ Krieg seines Vorgängers Bush im Irak. Jetzt zieht er die amerikanischen Truppen nicht als geschlagene Truppe ab, sondern, wie er meint, in einer Position der Stärke: Von dem Land gehe keine Bedrohung mehr für die Vereinigten Staaten aus. Nicht alle Ziele seien erreicht worden, aber doch, so muss man das verstehen, das wichtigste. Ob das die optimistisch stimmende Wahrheit ist oder mehr Wunschdenken am Beginn einer neuen Wahlsaison - natürlich werden Amerika und seine Verbündeten den Schauplatz am Hindukusch nicht mit dem Eingeständnis einer Niederlage verlassen.

          Wenn es stimmt, dass der Abzugsplan des Präsidenten nicht von den Befehlshabern gutgeheißen wird, dann gäbe das Anlass zur Sorge. Die Militärs teilen eben nicht eine Lagebeurteilung, die in erster Linie eine politische ist. Die Wähler haben genug von diesem Krieg, die Wirtschaft läuft nicht rund, die Grundstimmung hat sich gedreht. Amerika hat aber auch viel in Afghanistan investiert; diese Investition sollte nicht Opfer eines Rückzugs werden, der nicht zum geringen Teil von Obamas Wiederwahlambition bestimmt wird. Dennoch ist es nun quasi offiziell: Zehn Jahre nach „9/11“ wird dieses Kapitel geschlossen, wenn auch für die einen zu hastig, für andere zu langsam.

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

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