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Afghanistan : Auch in der Nordallianz gilt islamisches Recht

  • Aktualisiert am

Nicht nur unter den Taliban, auch im Gebiet der Nordallianz wird nach dem islamischen Recht geurteilt - allerdings aufgeklärter.

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          Öffentliche Auspeitschungen, körperliche Verstümmelungen und besonders strenge Verbote für Frauen - auch im Gebiet der afghanischen Nordallianz gilt das islamische Recht.

          Nordallianz-Außenminister Abdullah Abdullah hält die eigene Interpretation der Scharia aber für einfühlsamer und aufgeklärter als bei den Taliban. „Wenn jemand Geld stiehlt, werden wir ihn einmal verwarnen, auch ein zweites Mal. Aber beim dritten Mal werden wir ihm die Hand abhacken“, erklärt der von der Nordallianz als Kleriker bestellte Mullah Sahaid Asmahail in Chwadscha Bahauddin. Dort sei es aber in den letzten sechs Jahren nicht mehr so weit gekommen. Öffentliche Auspeitschungen sind da schon häufiger. Zuletzt wurde im Oktober ein Heroin-Händler auf diese Weise bestraft, wie Einwohner berichten.

          Frauen dürfen nicht mehr singen

          Chwadscha Bahauddin ist nach Beginn der amerikanischen Luftangriffe auf Afghanistan die provisorische Hauptstadt der Nordallianz geworden. In der 20 Kilometer von der Grenze zu Tadschikistan entfernten Stadt leben 10.000 Menschen, überwiegend tadschikischer und usbekischer Abstammung. Seitdem die Nordallianz im Jahr 2000 von den Taliban aus Talokan vertrieben wurden, diente Chwadscha Bahauddin als militärisches Hauptquartier der Mudschahedin.

          Ihre erste Verordnung nach Übernahme der Stadt richtete sich gegen die Frauen: Ihnen ist es seitdem verboten, in der Öffentlichkeit zu singen, wie der private Keston-Nachrichtendienst berichtet, der sich mit der Religionsfreiheit in ehemals kommunistischen Ländern beschäftigt. Auch Musik überhaupt wurde demnach verboten, was Ismail Ibrahim von der Hauptmoschee in Chwadscha Bahauddin damit begründet, dass die Gläubigen von religiösen Gedanken abgelenkt werden könnten: „Wenn jemand Musik hört, ändert dies sein Bewusstsein.“ Das Musikverbot wird im Gebiet der Nordallianz aber kaum noch beachtet. Wenn Militärfahrzeuge durch die Stadt rollen, spielen die Mudschahedin oft Kassetten mit Liedern populärer afghanischer Musiker ab. Unter der Herrschaft der Taliban hätte dies Schläge oder Haft bedeutet. Als die Taliban 1996 in die Hauptstadt Kabul einzogen, drapierten sie herausgerissene Bänder von Musikkassetten auf den Bäumen.

          Mädchen lernen Mathematik

          Das islamische Recht wird bei der Nordallianz weniger drakonisch umgesetzt als unter der Taliban-Herrschaft. Während in Kabul grausame Formen der Hinrichtungen üblich waren, werden Mörder im Gebiet der Nordallianz einige Jahre ins Gefängnis gesteckt. Auch die Behandlung der Frauen ist humaner. Zwar tragen alle Frauen außerhalb ihres Hauses die traditionelle Burka. Aber sie werden nicht aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen wie bei den Taliban.

          „Wir sind sehr froh“, sagt die 55 Jahre alte Mamh Chall auf dem Marktplatz von Chwadscha Bahauddin. „Unter den Taliban hätten wir keine Rechte. Wir hätten keine Schule und könnten nicht arbeiten." In Chwadscha Bahauddin gibt es eine Schule für Mädchen bis 16 Jahre, wo Mathematik und andere Grundlagenfächer unterrichtet werden.

          Kommandeure legen Recht aus

          Allerdings variiert die Umsetzung des islamischen Rechts auch innerhalb des Gebiets der Nordallianz - je nach Gutdünken des jeweiligen örtlichen Kommandeurs. So herrscht im Pandschschir-Tal nach Informationen des Keston-Nachrichtendienstes ein striktes Alkohol- und Tabakverbot.

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