https://www.faz.net/-gpf-6mn4h

Kabul : Der Fluch der toten Kühe

  • -Aktualisiert am

Ein böses Omen? Bild: AFP

In Afghanistan sind viele Menschen abergläubisch. Was die Zahl 39 mit Zuhältern und Autopreisen zu tun hat.

          Ahmad Nazir ist aufgewühlt, aber er ist wild entschlossen. Er will unbedingt sein Auto verkaufen, es ist ein Schandmal. Ein paar gute Freunde hat er deswegen verloren. Und so findet sich Ahmad Nazir in den Außenbezirken von Kabul wieder, umringt von drei Autohändlern und ein paar Schaulustigen. Es liegt nicht an der Farbe, an dem Modell oder dem Motor, dass er sein Auto nicht ausstehen kann.

          Es ist der Fluch der 39 auf dem Nummernschild. Niemand weiß genau, warum die Zahl 39 zu einem Tabu geworden ist, aber es gibt natürlich viele Gerüchte. In Kabul erzählt man sich zum Beispiel die Geschichte von dem Zuhälter aus Herat, der ein protziges Nummernschild mit der 39 gehabt habe. So sei die Zahl zum Synonym für Zuhälterei und Prostitution geworden.

          Ahmad hat nicht auf seine Freunde gehört. Sie hatten ihn vor den Folgen des Kaufs gewarnt. Er hatte sich von dem guten Preis blenden lassen - er lag satte 1000 Dollar unter dem Marktwert des Autos. Aber in den vier Monaten, in denen Ahmad mit seinem neuen Wagen herumfuhr, hat er teuer für das Geschäft bezahlt. Er wurde von seinen Arbeitskollegen bei den Vereinten Nationen aufgezogen, er musste den Spott und Missfallensbekundungen anderer Autofahrer oder Fußgänger ertragen. „Es gibt zwei Ahmads bei uns im Büro, und jetzt nennt mich jeder Ahmad 39“, sagt er. Kein Händler will Ahmads Auto kaufen. Dabei bietet er es schon 35 Prozent unter dem Kaufpreis an. Wenigstens hat ihm einer angeboten, das verfluchte Auto in seinen Ausstellungsräumen zu präsentieren - neben einigen anderen mit Unglücksnummern.

          Ahmad wird es kaum trösten, dass er in Kabul und Umgebung nicht der Einzige ist, den der Nummernfluch trifft. Der Gemüsehändler Mahmud zum Beispiel klagt: „Jeden Freitag fahre ich mit Freunden zum Picknick aus der Stadt heraus, aber wir nehmen immer nur ihr Auto, in meines wollen sie sich nicht setzen.“ Am Anfang habe er sich nicht darum geschert, sagt Mahmud. Aber jetzt traue er sich kaum noch, seine Familie im Auto mitzunehmen. „Ich will sie einfach nicht den Anfeindungen dummer Leute aussetzen“, sagt er.

          Jemanden als Zuhälter zu beleidigen mag in anderen Ländern vielleicht zu einer handfesten Schlägerei führen - in Afghanistan kann eine solche Beschimpfung tödliche Folgen haben. Hier wachen die Männer mit Argusaugen über die weiblichen Familienmitglieder und ihre Ehre. Zuhälter sind die Parias der afghanischen Gesellschaft, sie werden als „tote Kühe“ beschimpft. Deshalb treten oft alte Frauen als Zuhälter der jungen in Erscheinung.

          Leute haben die Beamten in der Verkehrsbehörde schon mit bis zu 500 Dollar bestochen, um sicherzugehen, kein Zuhälternummernschild zu bekommen. „Als die 39er Serie der fünfstelligen Nummernschilder verteilt wurde, gab es auf einmal keine langen Schlangen mehr vor unserem Büro. Wir ließen nur noch zwei Fahrzeuge am Tag zu“, sagt Abdul Hamid, ein Polizeioffizier aus der Abteilung Verkehr.

          Auf Listenplatz 39 kandidiert

          Regierungsmitarbeiter sind wütend auf die Autohändler, denen sie vorwerfen, die Autos mit den verfluchten Nummern an Leute vom Land zu verkaufen, die nichts von dem Unheil ahnen, das sie einholen wird. Der Autohändler Abdul Matin gibt zu, dass einige seiner Zunft auf diese Art gutes Geld verdient haben, aber er sagt auch, die Kunde von den Unglückszahlen habe sich explosionsartig verbreitet - auch, weil sich die Presse auf das Thema gestürzt hat. Mathematiker, islamische Gelehrte und Regierungsvertreter haben Interviews gegeben, in denen sie den Leuten erklären, dass die Geschichte vom Fluch der 39 keinen Sinn ergebe. Aber sie haben es schwer, die Leute davon zu überzeugen.

          Ein Journalist wollte dem Fluch die Stirn bieten und den Preisvorteil beim Autokauf nutzen. Jedem, der ihm wegen seines Nummernschildes dumm komme, werde er eine verpassen, versprach er. Aber er war nach seinen Worten schnell entmutigt, als ein Freund ihn gefragt habe: „Und in wie viele Gesichter kannst du schlagen?“ Manche Autobesitzer bemalen oder bekleben ihre Nummernschilder, um die 39 zu verdecken. Andere haben die Sim-Karten ihrer Mobiltelefone weggeworfen, weil die Nummer die verfluchte 39 enthielt.

          Die Leibwächter eines Warlords sollen während der Parlamentswahl im vergangenen Jahr sechs Obstverkäufer verprügelt haben, die wohl etwas vorlaut waren - der Warlord kandidierte auf Listenplatz 39. Ein Freund aus Herat hat erzählt, dass sich sein Cousin jüngst an seinem Geburtstag den ganzen Tag zu Hause eingeschlossen hat. Er ist 39 geworden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Ein Flugzeug von Thomas Cook steht auf dem Rollfeld des Flughafens von Manchester.

          Sanierung gescheitert : Thomas Cook ist pleite

          In der Nacht wurde das Aus besiegelt: Der älteste Reisekonzern der Welt steht vor der Zwangsliquidation. Das betrifft auch Zehntausende deutsche Urlauber. Condor-Maschinen sollen zunächst weiter fliegen.

          TV-Kritik: Anne Will : Welche Zukunft hätten Sie gern?

          Wer Klimaschutzpolitik als Kampf zwischen den Generationen etikettieren will, ist schief gewickelt. Die Zahl besorgter Eltern und Großeltern, die vergangenen Freitag an der Seite von Kindern und Enkeln auf die Straße gingen, war beachtlich. Der ganzen Debatte fehlt es an Optimismus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.