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Afghanistan : Viel zu verlieren

„Eine Zelle dessen, wo es positiv läuft“: Anfang April dieses Jahres in Mazar-i-Sharif Bild: AFP

Mazar-i-Sharif ist so etwas wie eine Insel der Glückseligkeit im geschundenen Afghanistan. Doch auch hier fürchten manche, dass die Taliban nach dem Abzug der ausländischen Soldaten zurückkehren könnten.

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          Heute trägt Nazar Mohammad Milchkannen. „Vor wenigen Jahren hatte ich noch eine Waffe in meinen Händen“, sagt er. Der vergilbte Ausweis, den er noch immer bei sich trägt, zeigt ihn in Uniform. Als Kämpfer des berühmten tadschikischen Kriegsherrn Ahmad Shah Massud zog er gegen die Soldaten der Roten Armee und später gegen die Taliban in den Krieg. Der hagere Mann ist noch gelenkig genug, um vorzuführen, wie er einst mit dem Mund eine Gewehrkugel aus seinem rechten Bein entfernte. Heute verrichtet er harte Arbeit, keine Heldentaten mehr auf dem Schlachtfeld. Zwei Kühe und fünf Kälber besitzt er, um die sich seine Frau kümmere. Sie ernähren fünf Söhne und drei Töchter.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Nazar Mohammad steht auf, bevor die Sonne aufgegangen ist, verrichtet das Gebet zum Morgengrauen. Er füllt die Milch seiner Kühe ab und macht sich auf den Weg, um die Milch von anderen Bauern aus der Umgebung einzusammeln, die er zu einer kleinen Molkerei in Mazar-i-Sharif bringt. Etwa 750 Bauern gehörten zu der Kooperative, welche die Molkerei beliefert, sagt der Chef des Betriebs. Nazar Mohammad sagt, etwa 1000 Haushalte hätten so ihr Auskommen. Er kann sich noch an den Deutschen erinnern, der sich vor Jahren für das Projekt eingesetzt habe; der Ausbau der Molkerei wird von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit unterstützt.

          Der Milchbauer hat die Waffe bloß abgelegt

          Nazar Mohammad beschreibt seine Heimat in leuchtenden Farben. Der mächtige Gouverneur der Provinz, Mohammed Atta, sei ein fähiger Mann, der hart arbeite, sagt er. Die verschiedenen Volksgruppen lebten hier friedlich zusammen, die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniere gut. Und natürlich ist er auch mit den Deutschen zufrieden, auf deren Hilfe er hoffe - auch wenn die Soldaten irgendwann weg seien.

          Etwa 1000 Haushalte haben so ihr Auskommen: Die Molkerei in Mazar-i-Scharif, in die die Milch der Kooperative geliefert wird
          Etwa 1000 Haushalte haben so ihr Auskommen: Die Molkerei in Mazar-i-Scharif, in die die Milch der Kooperative geliefert wird : Bild: Christoph Ehrhardt

          Deutsche Entwicklungshelfer vor Ort geben sich zuversichtlich. Sie wollten weiterarbeiten, hätten sich schon auf den Abzug eingerichtet, heißt es. „Konsens“ und „Akzeptanzstrategie“ sind die Worte, die immer wieder fallen, wenn es um die Sicherheit der künftigen Arbeit geht. Wenn die Afghanen - notfalls nach langwierigen Beratungsprozessen - hinter den Helfern und den Projekten stünden, sorgten sie auch für ihren Schutz.

          Die Regierung im fernen Berlin wird ohnehin nicht müde zu bekräftigen, dass sich Afghanen wie Nazar Mohammad auf ihre Unterstützung verlassen können. Milliardenzusagen wie zuletzt auf der Konferenz in Tokio sollen Entschlossenheit demonstrieren, das Land nicht im Stich zu lassen. Sie sollen Zuversicht verbreiten, dass sich die Lage schon zum Besseren wenden werde. Doch diese Ankündigungen klingen ebenso vertraut wie die Versprechen des afghanischen Präsidenten Karzai, er werde sich fortan energisch der grassierenden Korruption entgegenstellen. Und Afghanen wie der Bauer Nazar Mohammad stehen nicht nur für die Möglichkeiten der Entwicklungshilfe - sie stehen ebenfalls für die sehr engen Grenzen des Einflusses, den diese Hilfe auf die unsichere Zukunft des Landes haben kann. Der Milchbauer jedenfalls hat die Waffe bloß abgelegt.

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