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Allensbach-Studie : Die scharfe Kante der AfD

  • -Aktualisiert am

Werbeflyer für die Wahl in Sachsen: Für ihre Wähler steht die AfD für frischen Wind in der Politik Bild: AFP

Vieles spricht dafür, dass sich die AfD etabliert. Ihre Kernthemen sind Dauerbrenner und zielen auf das kleinbürgerliche „Endlich sagt's mal jemand“. Doch schafft es die Partei damit in den Bundestag?

          Neugegründete Parteien sind in Deutschland in der Regel nicht nachhaltig erfolgreich. Es gab durchaus zahlreiche Versuche, neue Parteien zu etablieren, von der Bürgerpartei über Republikaner, DVU und NPD bis zu den Piraten. Sie reüssierten auch teilweise bei Landtagswahlen und Europawahlen, nie bei Bundestagswahlen. Die bisher einzige Ausnahme sind die Grünen.

          Die spannende Frage ist nun, ob die AfD in der bundesdeutschen Parteiengeschichte die zweite Ausnahme von der Regel sein wird oder ob sie von einem vorübergehenden Hype profitiert und in absehbarer Zeit das Schicksal der Piraten erleidet. Im Februar 2013 gegründet, scheiterte sie zunächst bei der Landtagswahl in Hessen und der Bundestagswahl. Bei den drei ostdeutschen Landtagswahlen in diesem Jahr erzielte sie jedoch durchgängig eindrucksvolle Erfolge, bei der Europawahl 7,1 Prozent.

          Die Entwicklung der Piraten zeigt, dass dies noch kein Garant für einen dauerhaften Erfolg ist. Die Bürger sind jedenfalls noch sehr unsicher, wie die weiteren Perspektiven der AfD einzuschätzen sind. Trotz der Erfolge bei den Landtagswahlen sind nur 10 Prozent überzeugt, dass die AfD weiter an Unterstützung gewinnen wird. Umgekehrt glauben aber auch nur 21 Prozent, dass die AfD sich nicht dauerhaft etabliert und schon bald keine Rolle mehr spielen wird. 48 Prozent haben den Eindruck, dass zurzeit nur schwer einzuschätzen ist, in welche Richtung sich die AfD entwickeln wird.

          Bild der AfD ist für Wähler relativ klar

          Hier gibt es durchaus Parallelen zu den Piraten; bei ihnen trauten sich 2012 auf dem Höhepunkt ihrer Beachtung und Popularität 61 Prozent kein Urteil über die weitere Entwicklung zu; gleichzeitig waren jedoch auch nur 25 Prozent überzeugt, dass die Erfolge der Piraten nicht nachhaltig sein würden.

          Trotz dieser Parallelen spricht zurzeit mehr dafür, dass die AfD sich längerfristig etabliert. Anders als die Piraten in ihrer Hochzeit hat die AfD in den Augen der Bürger durchaus ein konturiertes Zielprofil. Auch wenn bisher nur 10 Prozent der Bürger von einem insgesamt klaren Programm sprechen mögen, assoziiert die Mehrheit die AfD durchaus mit konkreten Zielen, vor allem: Begrenzung der Zuwanderung, strengere Asylgesetze, Abschaffung des Euro.

          Zuwanderung, Euro und Deutschland im Allgemeinen: Die Kernthemen der AfD

          60 Prozent sehen als wesentliches Ziel der AfD die Begrenzung der Zuwanderung, 58 Prozent die Abschaffung des Euro; jeder Zweite sieht die AfD auch als Anwalt einer Stärkung der nationalen Ebene gegenüber der EU, 44 Prozent generell als Anwalt nationaler Interessen. Innere Sicherheit, wirtschaftliche Ziele oder familienpolitische Positionen werden dagegen nur von einer Minderheit mit der AfD assoziiert. So gehen nur 25 Prozent davon aus, dass die Partei die Wirtschaft und insbesondere den Mittelstand stärken will, 20 Prozent, dass die AfD sich für eine klare Rollenverteilung in den Familien einsetzt .

          AfD-Anhänger erwarten neue Euro-Krise

          Die beiden Themenfelder, die das Profil der AfD dominieren – Europa und Zuwanderung –, sind Themen von Gewicht. Es sind gleichzeitig Felder, die über die letzten Jahre von gravierenden Veränderungen und teilweise Problemen geprägt waren. Die Krise in der Eurozone hat die deutsche Bevölkerung zwar nur begrenzt direkt betroffen, aber durchaus beeindruckt.

          Auch wenn sich die Situation entspannt hat, ist nur ein Viertel der Bürger überzeugt, dass das Schlimmste ausgestanden ist. Zwar befürchtet auch nur eine Minderheit, dass es bald zu einer neuerlichen Eskalation kommt; die meisten sind jedoch unsicher. Die Einschätzung der Anhänger der AfD unterscheidet sich deutlich von diesem ambivalenten Stimmungsbild: Von ihnen ist die Mehrheit überzeugt, dass eine neue und gravierende Eskalation in der Eurozone zu erwarten ist.

          Zuwanderung – für viele ein notwendiges Übel

          Die Krise in der Eurozone hat im Verbund mit der inmitten dieser Turbulenzen eindrucksvoll robusten deutschen Konjunktur auch zu einer Zuwanderungswelle geführt, wie sie Deutschland seit Jahrzehnten nicht erlebt hat. Noch in den Jahren 2008 und 2009 verzeichnete Deutschland eine Nettoabwanderung, 2012 dagegen eine Nettozuwanderung von 369.000 Personen, 2013 von 437.000.

          Aufgrund der gleichzeitig weiter abnehmenden Arbeitslosenzahlen führte dies nicht zu wachsenden Ressentiments in der Bevölkerung. Vielmehr nahm die Überzeugung, dass der deutsche Arbeitsmarkt Zuwanderung braucht, kontinuierlich zu: 2004 vertraten lediglich 27 Prozent der Bürger diese Auffassung, 2009 waren es 36 Prozent, 2011 sogar 41 Prozent, heute 53 Prozent.

          Dagegen verlor die Position, die Aufnahmefähigkeit Deutschlands sei erschöpft, kontinuierlich an Unterstützung: von 42 Prozent vor zehn Jahren auf jetzt 18 Prozent. Trotzdem sind große Bevölkerungskreise weit davon entfernt, in Zuwanderung per se eine positive Entwicklung zu sehen; sie gilt vielen eher als notwendig denn als wünschenswert.

          Der Konsens wird aufgebrochen

          Die aktuellen Flüchtlingsströme geben dem Thema eine andere Dimension und haben das Potential, erhebliche Besorgnis auszulösen. Noch ist die große Mehrheit der Bevölkerung gelassen, teilweise auch angerührt von den menschlichen Tragödien. Ein Rückblick auf die frühen neunziger Jahre zeigt jedoch, dass ein gravierender Anstieg von Asylsuchenden durchaus auch kurzfristig heftige Reaktionen auslösen kann, wenn der Eindruck entsteht, dass die Situation außer Kontrolle gerät.

          Große politische Herausforderungen sind die Bewältigung von Flüchtlingswellen und der Umgang mit Zuwanderung sowie die Gestaltung Europas und einer sinnvollen Aufgabenteilung zwischen europäischer und nationaler Ebene. Das sind auch Themen, über die es in den vergangenen Jahren keine nennenswerten kontroversen Diskussionen zwischen den etablierten Parteien gegeben hat.

          Die AfD legt zu und würde mit 7,5% in den Bundestag einziehen.

          Die Linke hat zwar häufiger abweichende Positionen vertreten, wird jedoch nach wie vor primär als Regionalpartei wahrgenommen und hat Mühe, mit ihren Positionen durchzudringen. Entsprechend waren die Deutschen über die vergangenen Jahre hinweg mit einem parteiübergreifenden Konsens konfrontiert, sowohl in Bezug auf den europäischen Weg wie bei den Reaktionen auf die verstärkte Zuwanderung. An sich ist bemerkenswert, dass sich hier nicht früher neue politische Gruppierungen formiert haben, die diesen Konsens durchbrechen, wie dies in anderen europäischen Ländern bereits seit längerem der Fall ist.

          Für AfD-Anhänger ist die EU ein Risikofaktor

          In der AfD sammeln sich Wähler, denen die europäische Integration zu weit geht und denen die Zuwanderung teilweise Unbehagen bereitet. Die europäische Gemeinschaftswährung wird von AfD-Anhängern völlig anders bewertet als von der übrigen Bevölkerung. Nach wie vor ist die große Mehrheit zwar nicht begeistert, im Währungsverbund zu leben. Insgesamt sind jedoch nur 24 Prozent überzeugt, dass der Euro für Deutschland überwiegend Nachteile mit sich bringt. Von den AfD-Anhängern glauben das 73 Prozent.

          Nicht nur die europäische Währung wird jedoch anders gesehen, sondern generell die europäische Ebene. Dass die EU zu viel in nationale Belange eingreift, ist zwar auch in der Bevölkerung Mehrheitsmeinung. Die Anhänger der AfD gehen in ihrer Kritik jedoch wesentlich weiter. Sie sehen mit breiter Mehrheit in der EU ein Risiko für den Wohlstand in Deutschland, empfinden die EU als schwerfällig und fürchten, dass die nationalen Charakteristika in diesem Verbund verlorengehen.

          Gleichzeitig spielen das Friedensthema und der große gemeinsame Wirtschaftsraum für AfD-Anhänger eine weitaus geringere Rolle als für die übrige Bevölkerung: 57 Prozent der Bevölkerung sehen in der EU auch einen Garanten für Frieden in Europa, aber nur 31 Prozent der AfD-Anhänger; 56 Prozent der Bevölkerung schreiben der EU eine große Wirtschaftskraft zu, bei den AfD-Anhängern sind es nur 37 Prozent. Dagegen sehen 63 Prozent der AfD-Anhänger in der EU ein Risiko für den Wohlstand in Deutschland, eine Auffassung, die nur 31 Prozent der Bevölkerung teilen.

          Anhänger haben tiefes Vertrauen zur AfD

          Für AfD-Anhänger spielt eine große Rolle, dass die AfD den Konsens der übrigen Parteien durchbricht. 72 Prozent von ihnen sehen die AfD als Partei, die sich deutlich von anderen Parteien unterscheidet, 74 Prozent als Anwalt von Positionen, die in der Bevölkerung durchaus weit verbreitet sind. 81 Prozent versprechen sich „frischen Wind in der Politik“. Zwei Drittel der Anhänger sind auch überzeugt, dass die AfD eine Lücke im parteipolitischen Spektrum füllt.

          Der Enthusiasmus, der hier sichtbar wird, prägt auch die Vorstellungen der Anhänger von der Agenda der Partei. Auch sie schreiben der AfD vor allem die Ziele zu, die Zuwanderung zu begrenzen, härtere Asylgesetze anzustreben, den Euro abzuschaffen, die Bedeutung der europäischen Ebene zurückzudrängen und nationale Interessen entschiedener zu vertreten.

          Gleichzeitig sieht die große Mehrheit der Anhänger die AfD jedoch auch als Anwalt von mehr Bürgerbeteiligung, innerer Sicherheit, von Reformen, sozialer Gerechtigkeit und der Interessen der Wirtschaft und des Mittelstands. Annähernd drei Viertel der Anhänger glauben auch, dass ihre favorisierte Partei die besten Konzepte für die Zukunft des Landes hat. Vergleichbar groß ist nur das Vertrauen der Anhänger der CDU/CSU in ihre bevorzugte Partei.

          Kommt die AfD in den Bundestag?

          Damit erfüllt die AfD mehrere Voraussetzungen für einen zumindest mittelfristig andauernden Erfolg: ein klares Zielprofil, in dem Themen von Gewicht dominieren; eine Positionierung, die von vielen und insbesondere den eigenen Anhängern als deutlich abweichend von anderen Parteien wahrgenommen wird; eine zurzeit enthusiastische und in den Positionen, die das Profil der AfD prägen, weitgehend geschlossene Anhängerschaft.

          Dazu kommt, dass es zurzeit keine anderen großen Themen und Kontroversen gibt, die die Aufmerksamkeit der Bürger nennenswert absorbieren. Zurzeit käme die AfD bei einer Wahl in den Bundestag – anders als noch vor einem Jahr. 7,5 Prozent der Bürger würden sie jetzt bei einer Bundestagswahl unterstützen; für knapp jeden Fünften ist vorstellbar, die AfD bei einer Wahl in den nächsten Jahren zu unterstützen – entweder auf der kommunalen, landespolitischen, Bundes- oder Europa-Ebene. All dies lässt erwarten, dass sich das parteipolitische Spektrum auf Sicht der nächsten Jahre deutlich verändert.

          Professor Dr. Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach

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