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Ägypten : Ermordeter Student schrieb Artikel gegen das Regime

  • -Aktualisiert am

Giulio Regeni hat seit September 2015 in Kairo gelebt. Dort ist er am Mittwoch tot aufgefunden worden. Seine Familie hat dieses Bild herausgegeben, das ihn in jüngeren Jahren zeigt. Bild: dpa

Der in Ägypten ermordete Student, Giulio Regeni, hat für eine italienische Tageszeitung gearbeitet. Weil er sich bedroht fühlte, erschienen seine Artikel unter einem Pseudonym. In Kairo sind italienische Sonderermittler eingetroffen.

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          Zwei Tage nachdem Giulio Regenis Leiche in Kairo gefunden wurde, ist in einer italienischen Zeitung ein Artikel von ihm erschienen. Die linke Tageszeitung „Il Manifesto“ aus Rom veröffentlichte am Freitag einen Text des 28 Jahre alten Studenten, in dem er über die ägyptische Arbeitsbewegung schreibt und gleich zu Beginn das Regime hart kritisiert. Den Text hatte er der Zeitung vor seiner Entführung zur Veröffentlichung zugeschickt. Unter der Überschrift „Der Zeuge“ zeigt sie auf dem Titelbild ein privates Foto:

          Laut „Il Manifesto“ hatte Regeni der Zeitung den Artikel im Januar angeboten. Eine Veröffentlichung war vereinbart worden, aus redaktionellen Gründen war es aber bis zu seinem Verschwinden nicht mehr dazu gekommen. In Absprache mit „Il Manifesto“ erschien der Artikel daher zunächst auf einer italienischen Nachrichtenseite, weil Regeni befürchtete, er könnte sonst zu alt werden. Im E-Mail-Verkehr mit der Redaktion habe Regeni „darauf bestanden, ihn unbedingt unter einem Pseudonym zu veröffentlichen“, schreibt der Manifesto-Redakteur Tommaso Di Francesco im Leitartikel. Regeni sei „sehr besorgt“ um seine Sicherheit gewesen und habe viele Emails deswegen geschrieben. 

          Sicherheitsbeamte bewachen am Donnerstag die Leichenhalle in Kairo, in der Regenis Leiche aufgebahrt ist.
          Sicherheitsbeamte bewachen am Donnerstag die Leichenhalle in Kairo, in der Regenis Leiche aufgebahrt ist. : Bild: AFP

          Regeni war am 25. Januar, dem Jahrestag der ägyptischen Revolution, verschwunden. Er hatte sich von seiner Wohnung in einem zentrumsnahen Bezirk auf den Weg zu einer Geburtstagsparty in der Nähe des Tahrir-Platzes gemacht, bei der er aber nie ankam. Nachdem Freunde ihn tagelang gesucht hatten, tauchte plötzlich seine Leiche in einem Straßengraben am Rand des Großraum Kairos auf. An ihr stellten Gerichtsmediziner Stichwunden, Schnitte an den Ohren, Zigarettenverbrennungen und Spuren von Schlägen fest. Der ermittelnde Staatsanwalt Ahmed Nagi sagte, Regeni sei einen „langsamen Tod“ gestorben.

          Sein letzter Text: Eine Reportage über Arbeiter-Aktivisten

          In seinem letzten Text, der hier in Englisch nachzulesen ist, beschäftigte sich Regeni mit dem schwierigen Kampf der unabhängigen ägyptischen Gewerkschaften gegen die Einheits-Gewerkschaft des Staates. Es ist eine Reportage über ein Treffen von mehr als hundert Aktivisten aus ganz Ägypten. Laut Regeni war das Treffen ein Versuch, die zersplitterten Gewerkschaftsszene zu vereinen, und einen Plan für „den morgigen Tag“ zu entwickeln. Eine Grundlage für eine nationale Kampagne der Gewerkschaften. Die Rolle der Gewerkschaften in Ägypten nach Mubarak war auch das Thema von Regenis Doktorarbeit, die er an der englischen Universität Cambridge schrieb, und für die er im September vorigen Jahres nach Kairo gezogen war.

          Die ägyptische Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften hatten auch bei der arabischen Revolution eine große Rolle gespielt. Die Proteste auf dem Tahrir-Platz, die von jungen internetaffinen Leuten begonnen wurden, sekundierten die Arbeiter mit Streiks in wichtigen Industriestädten. Etwa der Textil-Stadt Mahalla al-Kubra im Nildelta, wo es auch früher schon heftige Proteste gegeben hatte. Sie protestierten anfangs nicht gegen das Regime, sondern gegen steigende Preise und zu niedrige Löhne, gaben der Revolution so aber Rückhalt außerhalb der Hauptstadt.

          Noch ist unklar, wie Regeni verschwand

          Besonders in der wirtschaftlich immer noch sehr schwierigen Lage stellen die Gewerkschafts-Aktivisten für das Sisi-Regime eine nicht ungefährliche Gruppe dar. Wenn man bedenkt, dass in Ägyptens Gefängnisse nach Angaben von Human Rights Watch zurzeit über 40.000 politische Gefangen einsitzen, erscheint Regenis Angst vor Konsequenzen welcher Art auch immer, nicht völlig abwegig.

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