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Ägypten : Koptische Tragödie

  • -Aktualisiert am

Nach Mubaraks Ende hatten die Kopten in Ägypten gehofft, das Klima zwischen ihnen und den Muslimen werde sich entspannen. Doch die jüngsten Zusammenstöße strafen diesen Optimismus Lügen.

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          Lange Zeit war das moderne Ägypten stolz darauf, dass die muslimische Mehrheit und die koptisch-christliche Minderheit einigermaßen gut miteinander auskamen. Doch dieser staatstragende Konsens zwischen beiden Religionsgemeinschaften ist schon vor Jahren schwächer geworden. Nach dem Abgang von Staatspräsident Husni Mubarak im Februar hatten die Kopten darauf gehofft, die Revolution werde das Klima entspannen. Doch die jüngsten blutigen Zusammenstöße in Kairo - entzündet an einer Kirchen-Brandstiftung im oberägyptischen Assuan - haben diesen Optimismus Lügen gestraft; dass die Sicherheitslage in der Zeit des Übergangs zu einer neuen Ordnung zu wünschen übrig lässt, hat das Massaker gewiss begünstigt.

          Nicht nur Kopten und Muslime gerieten aneinander, auch die Armee hat Tote und Verletzte zu beklagen. Dass Soldaten attackiert wurden, zeigt, dass das Zutrauen in die Fähigkeiten des Militärs, die Ordnung zu gewährleisten, gelitten hat. So verwundert es nicht, dass Demonstranten auch Parolen gegen Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi skandierten. Er ist der Vorsitzende des Militärrates, gegen den sich mehr und mehr der Unmut der Unzufriedenen richtet. Die Gefahr ist groß, dass die Seilschaften aus der Zeit Mubaraks, die wieder Tritt zu fassen versuchen, die Spannungen zu ihren Gunsten nutzen könnten - zu einem Zeitpunkt, da über die Modalitäten der Parlamentswahl vom 28. November beraten wird.

          Ministerpräsident Essam Scharaf hat vor einer Eskalation gewarnt; es wäre nicht auszudenken, wenn Ägypten in einen Bürgerkrieg abglitte. Kopten haben schon begonnen, ihre Heimat in Richtung Amerika und Europa zu verlassen. Zwar ist Ägypten nicht der Irak; doch haben die Außenminister der EU durchaus recht, wenn sie die Ereignisse am Nil in einen größeren Zusammenhang stellen. Denn die Lage der Christen hat sich im gesamten Nahen Osten in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten dramatisch verschlechtert. Nicht immer ist es religiöse Diskriminierung, die Angehörige der christlichen Minderheiten in die Flucht treibt. Ökonomische und andere Ursachen spielen ebenfalls eine Rolle. Doch Ägypten muss den inneren Frieden wiederherstellen, damit das Land eine neue Ordnung erhalten kann. Und seit hundert Jahren ist Ägypten auch darauf angewiesen, dass Fremde es um seiner Sehenswürdigkeiten willen besuchen.

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