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Nach Flugzeugabschuss : Putin ruft Ukraine und Rebellen zu Waffenruhe auf

Wirken erschüttert: Russlands Präsident Putin mit Ministerpräsident Medwedjew nach einer Schweigeminute für die Opfer der Flugzeugkatastrophe Bild: AP

Wer ist für den Abschuss des Flugzeugs der Malaysia Airlines verantwortlich? Viele Indizien weisen auf die prorussischen Separatisten hin. Doch Moskau und die Aufständischen zeigen auf Kiew. Der russische Präsident fordert nun zu einer Feuerpause für Verhandlungen auf.

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          Nach dem Absturz der malaysischen Boeing 777 über der Ostukraine mit 298 Menschen an Bord, die am Donnerstagnachmittag mutmaßlich mit einer Rakete abgeschossen wurde, weisen Moskau und die prorussischen Kämpfer im Osten der Ukraine einerseits und Kiew andererseits einander die Verantwortung zu. Mehrere Spuren weisen auf die Separatisten, während der russische Präsident Wladimir Putin die „Verantwortung“ der Ukraine hervorhebt.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Ein Team von 30 Fachleuten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) traf am Freitagnachmittag an der Absturzstelle in der Ukraine. Prorussische Milizionäre gewährten nach kurzen Verhandlungen den Inspekteuren Zugang zu der Unglücksstelle bei Grabowe gewährt.

          Nach Informationen der Vereinigten Staaten sei das Flugzeug von einer Boden-Luft-Rakete aus dem von prorussischen Separatisten besetzten Gebiet abgeschossen worden. „Wir können nicht ausschließen, dass russisches Personal beim Betrieb dieser Systeme geholfen hat“, sagte die amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power.

          Zuvor hatte Putin die ukrainischen Konfliktparteien nachdrücklich zu einem Ende der Kampfhandlungen und sofortigen Friedensgesprächen aufgerufen. Es sollten „so schnell wie möglich direkte Kontakte“ aufgenommen werden, sagte Putin bei einem Treffen mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill.

          Der ukrainische Präsident Poroschenko hatte die internationale Gemeinschaft zum Schutz vor dem „Aggressor“ Russland aufgerufen. „Der Abschuss eines zivilen Flugzeuges ist ein Akt des internationalen Terrorismus, der sich gegen die ganze Welt richtet“, sagte er am Donnerstagabend in einer Ansprach an das ukrainische Volk.

          Er warf den Separatisten vor, die Boeing mit einer Rakete abgeschossen zu haben, wie zuletzt mehrere ukrainische Militärflugzeuge. Die ukrainischen Streitkräfte teilten mit, eine Boden-Luft-Rakete des russischen Typs „Buk“, habe die Boeing getroffen. Das Flugzeug überflog die Ostukraine in  rund zehn Kilometern Höhe.

          Der ukrainische Geheimdienst SBU veröffentlichte noch am Donnerstagabend drei Gesprächsmitschnitte, in denen prorussische Aufständische den Abschuss des malaysischen Verkehrsflugzeugs eingestehen sollen. Ein Anruf sei um 16:40 Uhr Ortszeit erfolgt, 20 Minuten nach dem Absturz.

          Ukrainischer Geheimdienst veröffentlicht Mitschnitt

          Darin sollen die Stimmen von Igor Besler zu hören sein – einem der Führer der Donezker Aufständischen, der den Kampfnamen „Bes“ (Dämon) trägt. Nach Mitteilung des SBU berichtet er einem Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU namens Wasilij Geranin von einem Abschuss nahe der Ortschaft Jenakijewe nordöstlich der Stadt  Donezk.

          Der Oberst soll Besler fragen, wo die Piloten seien. Besler antwortet laut Mitschnitt, man sei aufgebrochen, um das Flugzeug zu suchen und zu fotografieren, „es raucht“. Der Abschuss sei vor rund 30 Minuten erfolgt.

          Das zweite Gespräch sollen Aufständische mit den Kampfnamen „Major“ und „Grek“ (Grieche) geführt haben, gut eine halbe Stunde später. Kosaken, die in einem Ort in der Nähe stationiert seien, hätten das Flugzeug abgeschossen, das in der Luft auseinandergebrochen sei. Man habe die ersten „200“ gefunden; laut SBU steht das für Leichname. Es sei ein Passagierflugzeug gewesen. Die Trümmer seien in Bauernhöfe gefallen. Man habe ein Dokument eines indonesischen Studenten gefunden.

          Im dritten Mitschnitt soll ein Aufständischer mit einem Mann sprechen, offenbar einem ranghohen Kosaken. Das abgeschossene Zivilflugzeug sei in der Gegend von Snischne-Tores zu Boden gegangen, Orten östlich von Donezk. Dort lägen viele Leichname von Frauen und Kindern. „Im Fernsehen“ heiße es, es sei ein AN-26-Transportflugzeug gewesen, doch stehe da „Malaysische Fluglinie“ geschrieben, sagt ein Mann. Was mache es auf „ukrainischem Staatsgebiet“? Das bedeute, das es „Spione“ befördert habe, soll die Antwort gewesen sein. Hier solle man nicht fliegen, „hier herrscht Krieg“.

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