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Abschied von den Opfern : Yangin var - Es brennt!

  • -Aktualisiert am

Trauer in Ludwigshafen Bild: dpa

Am Sonntag fand in Ludwigshafen die Trauerfeier für die Brandopfer statt. Das aufgeheizte Klima hat sich etwas entspannt. Was machte es möglich, dass die Stimmung so hochkochte? Eine Mischung aus schlechten Medienberichten, Nationalismus und schlimmen Erfahrungen mit rechtsradikalen Taten.

          Mehrere tausend Menschen haben in Ludwigshafen Abschied von den türkischen Opfern der Brandkatastrophe vor einer Woche genommen. Zur Trauerfeier auf dem Platz vor dem ausgebrannten Wohnhaus versammelten sich am Sonntag überwiegend Türken, aber auch zahlreiche Deutsche waren gekommen. Vor großen Blumengebinden und Kränzen aus roten und weißen Blumen waren die Särge der Opfer aufgebahrt. Sie waren mit der türkischen Flagge und Blumen bedeckt. Die Atmosphäre passte zu den etwas leiseren Tönen, die seit Ende vergangener Woche die zuvor sehr aufgeheizte Debatte bestimmten.

          Der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan an der Unglücksstätte des Ludwigshafener Großbrandes hatte die Wogen ein wenig glätten können: Der populäre „Basbakan“ (Ministerpräsident) zeigte Solidarität mit den Opfern und seinen Landsleuten; gleichzeitig waren seine versöhnlichen Worte geeignet, das aufgeladene Klima der vergangenen Tage zu entspannen, das vor allem durch einseitige, schlecht recherchierte Berichte türkischer Medien und die entsprechenden übereilten Kommentare entstanden war. Bis jetzt ist weder über die Ursache noch die Urheber des Brandes irgendetwas Verlässliches bekannt. Kaum war die Schreckensnachricht heraus, wussten türkische Zeitungen allerdings schon, dass deutsche Rassisten und Rechtsextremisten ihre Finger im Spiel hatten.

          Schrille Töne sollen Abhilfe schaffen

          Wie ist das möglich? Die türkischen Zeitungen sind mit deutschen in der Regel nicht zu vergleichen. Selbst die als seriös geltenden Blätter gleichen nach Aufmachung und Inhalt häufig Boulevardzeitungen; auch bei anderen Ereignissen dominieren oft harsche Töne und zur Sensation aufgebauschte Verdrehungen. Die Kolumnisten wollen ihre Kollegen bei den anderen Blättern an Entschiedenheit und Schärfe überbieten, denn noch immer kämpfen die Zeitungen der Türkei darum, überhaupt gekauft und gelesen zu werden. Die Türken, ein Volk der islamischen Hörkultur, sind bis heute schwache Leser. Dies gilt auch für die hohe Literatur. Ein Mann wie der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk hat längst nicht so hohe Auflagen wie etwa Günter Grass.

          Begräbnis im Zeichen der türkischen Flagge

          Da sollen schrille Töne und ein stramm nationalistischer Kurs Abhilfe schaffen. Der Nationalismus umschließt auch jene Türken, die außerhalb des Landes leben, ja sogar solche, die längst deutsche (oder dänische oder andere) Staatsbürger geworden sind. Nur so erklärt sich auch der spontane Wunsch der Regierung, vier eigene Ermittler nach Deutschland zu senden - ein Wunsch, dem Innenminister Schäuble umgehend entsprach, als sei die Bundesrepublik kein Rechtsstaat oder unfähig, unvoreingenommene Untersuchungen vorzunehmen. Doch vielleicht hat die Beteiligung türkischer Ermittler auch ihr Gutes: Was immer die Untersuchungen ergeben werden, Türken waren dann jedenfalls an ihnen beteiligt.

          „Wir müssen uns hier wehren!“

          Freilich registrierte man auch mit Verblüffung, wie Ali Toprak, der Vorsitzende der alevitischen Gemeinde in Deutschland, das türkische Ansinnen zurückwies: Solange die Täter des Alevitenmassakers von 1993, bei dem 37 Angehörige dieser Minderheit durch einen Brandanschlag auf ein Hotel umgebracht worden waren, nicht bestraft und die Hintergründe rückhaltlos aufgeklärt worden seien, solle Ankara ruhig sein.

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