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Abschied von den Opfern : Yangin var - Es brennt!

  • -Aktualisiert am

Die Chefredakteure der Europa-Ausgaben machen im Gespräch keinen Hehl daraus, dass sie ihre Blätter auch als Kampfblätter verstehen. „Wir müssen uns hier wehren!“, hört man öfter, als man denkt. Vor Jahren erwarb das Massenblatt „Hürriyet“ einen besonders schlechten Ruf; der hat sich durch Austausche an der Redaktionsspitze zwar etwas gebessert, doch noch immer ziert der Slogan „Die Türkei den Türken“ das Titelblatt. Zwar kam diese Parole zu einer Zeit auf, da es darum ging, ein Bewusstsein von der türkischen Nation nach sechshundert Jahren Osmanentum erst einmal zu schaffen; aber selbst vielen Türken missfällt dieser Spruch mittlerweile.

Untaten im Unterbewusstsein

Doch nicht nur Nationalismus erklärt die vorschnellen, geharnischten Reaktionen. Die beiden Untaten von Mölln und Solingen, die fünfzehn und sechzehn Jahre zurückliegen, haben sich so tief in das türkische Unterbewusstsein eingefressen, dass sie reflexhaft wiederkehren, sobald der geringste Anlass dafür zu bestehen scheint.

Die Intensität der Vorwürfe weist möglicherweise auch darauf hin, dass sie eine Art Ventil sind, um Frustrationen loszuwerden. Seit vielen Jahren hört der Europa-Aspirant Türkei immer wieder und häufig auch zu Recht, mit welchen Mängeln sein System noch immer behaftet sei und dass er für eine Mitgliedschaft in der EU noch nicht reif sei. Feigheit der Europäer, das Zurückschrecken vor einer klaren Absage an die Mitgliedschaft Ankaras haben dazu geführt, dass sich auf europäischer Seite Unehrlichkeit und Hinhaltetaktik miteinander verschwistert haben. Darunter hat die Sehnsucht nach Europa gelitten, obwohl die Türken in ihrer Mehrheit es immer noch als das „Ende ihrer Geschichte“ ansehen dürften, dem als exklusiv empfundenen Club der Europäer beizutreten. Und ausgerechnet im gelobten Land von Zivilisation und Freiheit kommt es zu Bränden, bei denen Türken sterben. Im Fall Marco wurde die türkische Justiz zudem zunächst von der deutschen Politik unter ziemlichen Druck gesetzt, das neue Einwanderungsgesetz erregte die türkischen Gemüter ebenso wie Roland Kochs Thematisierung der Kriminalität unter ausländischen Jugendlichen. So etwas kann Retourkutschen provozieren.

„Yangin var!“

In den Tiefenschichten der türkischen „Volksseele“ sind freilich noch andere Erlebnisse verankert, die außerhalb weitaus weniger bekannt sind. Brandkatastrophen sind eine vielhundertjährige Erfahrung besonders der Istanbuler. „Yangin var - Feuer!“ ist ein Schreckensruf, der in dieser Metropole die Menschen viele hundert Male aufrüttelte. Bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein waren etliche Stadtviertel Istanbuls von Holzhäusern geprägt, den typischen türkischen, eng aneinandergepferchten Konaks, die allzu leicht ein Raub der Flammen wurden. Wie viele Menschen im Laufe der Zeit dabei ums Leben kamen, hat wohl niemand gezählt.

Bis heute wird das alte Stambul nicht nur von den Silhouetten der großen Moscheen geprägt. Zwischen ihnen sieht man den Serasker-Turm aufragen, der nichts anderes war als ein Feuerturm. Er war rund um die Uhr besetzt. Ein Wächter hielt Ausschau, ob irgendwo in dem hölzernen Häusermeer der Stadt Rauch oder gar Feuer zu sehen war. Dann rückte die „Itfaiye“ aus, die Feuerwehr. Noch 1954 erscholl der Schreckensruf „Yangin var - Feuer!“, als Teile des Kapali Çarsi, des Großen Basars, niederbrannten.

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