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Abhörprogramme : Schleppnetz und Harpune

Glasfaserkabel am Netzwerkknoten Bild: Getty Images

Nach „Prism“ nun „Tempora“: Auch ein britischer Geheimdienst späht das Internet aus - ungehemmter noch als die Amerikaner. Die Deutschen tun es ebenfalls, aber anders.

          5 Min.

          Anfang dieser Woche bekam David Cameron einen Vorgeschmack auf das, was ihn nun erwartet: peinliche Fragen nach dem, was die britischen Geheimdienste so alles aufzeichnen. Der britische Premierminister musste den Teilnehmern des G-8-Gipfels erklären, was der „Guardian“ gerade enthüllt hatte. Beim vorigen Treffen der größten westlichen Industriestaaten 2009 in London waren mehrere Delegationen abgehört worden. Die Briten hatten Telefone angezapft, Computer überwacht und ein Internetcafé für Gipfelteilnehmer eingerichtet, in dem sie alles mitlesen konnten.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die aufmerksamen Beamten kamen nicht vom MI6, dem Auftraggeber James Bonds, sondern von einer Spionageeinheit, die kaum jemand kennt: Government Communications Headquarters, das Kommunikationshauptquartier der Regierung, kurz GCHQ. Das wird sich ändern, denn die Behörde steht nun im Fokus neuer Enthüllungen des „Guardian“. Die Zeitung hat Unterlagen ausgewertet, die von Edward Snowden stammen, dem früheren Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes NSA, der in Hongkong untergetaucht sein soll und in seiner Heimat per Haftbefehl gesucht wird.

          Sie haben es in sich: Die Briten scheinen noch ungehemmter Daten im Internet zu sammeln als die NSA. „Sie sind schlimmer als die Amerikaner“, wird Snowden zitiert. Gemäß dem Bericht hat das GCHQ die großen Internetknoten angezapft, die sich auf der Insel befinden. An diesen Knoten werden mächtige Glasfaserkabelstränge zusammengeführt, die unter dem Atlantik und der Nordsee verlaufen. Über sie wird der größte Teil des Datenverkehrs zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten sowie dem europäischen Festland abgewickelt.

          Weit gefasstes Gesetz

          Auch der Datenverkehr zwischen Deutschland und Amerika läuft weitgehend über die Insel. Wer an den Knoten sitzt, kann sämtliche Daten abgreifen, ohne dass die Benutzer je davon erführen: Telefongespräche, Mails, Facebook-Einträge, besuchte Websites. Die Datenmengen sind unvorstellbar groß. Ein Glasfaserkabel transportiert jede Sekunde zehn Gigabyte. Das GCHQ überwacht offenbar 1600 dieser Kabel, im vergangenen Jahr zog sie Daten aus 200 davon. An einem einzigen Tag hat der Geheimdienst somit Zugriff auf 21.600 Terabyte - eine gewöhnliche Festplatte für den Hausgebrauch speichert nur einige Terabyte.

          Die erfasste Datenmenge ist 192 mal so groß wie der gesamte Buchbestand der British Library. Gigantische Zwischenspeicher fangen den Datenverkehr wie ein riesiges Netz auf. Inhalte werden drei Tage vorgehalten, Benutzerdaten dreißig Tage. Während der Speicherzeit werden die Datenmengen mit Softwareprogrammen gefiltert. Sie suchen nach Namen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen. Es geht darum, ein paar Nadeln im Datenheuhaufen zu finden. Die Auswahlkriterien seien „Sicherheit, Terrorismus, organisiertes Verbrechen und wirtschaftlicher Wohlstand“, zitiert der „Guardian“ eine Geheimdienstquelle.

          Sie behauptet, das Programm mit dem Codenamen „Tempora“ werde rechtlich kontrolliert und habe dazu beigetragen, mehrere Terroranschläge auf der Insel zu vereiteln. Allerdings scheint es mit der Kontrolle nicht weit her zu sein. Rechtsgrundlage von „Tempora“ ist ein sehr weit gefasstes Gesetz aus dem Jahr 2000. Danach kann der britische Außenminister die Speicherung großer Datenmengen im Alleingang verfügen, sofern es um Kommunikation mit dem Ausland geht. Die privaten Betreiber der Datenkabel und Internetknoten wurden vom GCHQ zur Zusammenarbeit verpflichtet - und zu Stillschweigen.

          BND kannte „Tempora“ nicht

          Während die Briten ihre europäischen Partner über ihr Abhörprogramm im Dunkeln ließen, nahmen sie die Amerikaner an Bord. Sie dürfen die Datenmassen nach eigenen Suchbegriffen durchforsten und mit eigenen Mitarbeitern auswerten. Im Mai 2012 arbeiteten 250 Auswerter von der NSA an der Seite von 300 Kollegen des GCHQ. Das erklärt wohl auch, wie der „Whistleblower“ Snowden an Dokumente kam, die nun „Tempora“ enthüllen. Der Bundesnachrichtendienst (BND) kannte, wie schon im Fall Prism, weder das Programm noch den Namen. Was der „Guardian“ berichtet, erscheint dem deutschen Dienst allerdings technisch plausibel. Und dort ist man nicht überrascht davon, dass Briten wie Amerikaner Daten in ganz großem Stil erfassen.

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