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Abgeschnittene Finger in Afghanistan : Der hohe Preis der Wahl

Diese Afghanen werden im Krankenhaus von Herat behandelt, weil Taliban ihnen die Finger abschnitten Bild: dpa

Millionen Afghanen haben den Drohungen der Extremisten getrotzt und ihre Stimme abgegeben. Elf von ihnen mussten das teuer bezahlen: Die Taliban schnitten ihnen die Finger ab. Ein Bild der Männer wird zum Symbol für den hohen Preis der Wahl.

          Beim ersten Durchgang der afghanischen Präsidentenwahl im April hatte in den sozialen Netzwerken noch das Bild eines Mannes für Aufsehen gesorgt, der stolz einen blau eingefärbten Fingerstumpf in die Kameras hielt. Die Taliban hatten ihm bei der vorigen Präsidentenwahl 2009 seinen Finger abgeschnittenen, um ihn dafür zu bestrafen, dass er an der Wahl teilgenommen hatte. Trotzdem war er fünf Jahre später wieder an die Urnen getreten. Das Bild setzte sich im kollektiven Gedächtnis der Afghanen fest und wurde zum Symbol für die Zivilcourage der mehr als sieben Millionen Wähler, die den Drohungen der Taliban getrotzt hatten.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Auch nach dem zweiten Wahlgang am Samstag machte ein Bild mit abgeschnittenen Fingern die Runde. Elf Männer waren in der Provinz Herat in die Fänge der Taliban geraten, nachdem die Wahlbehörden ihnen die Finger blau gefärbt hatten. Das Bild, das einige von ihnen im Krankenhaus zeigt, wurde zum Symbol für den hohen Preis, den dieser Wahlgang gefordert hat. Wie das afghanische Verteidigungsministerium am Sonntag mitteilte, wurden am Wahltag 33 Zivilisten, 18 Angehörige der Sicherheitskräfte und 176 Aufständische getötet. Am Abend nach der Schließung der Wahllokale wurden zudem elf Personen in der Provinz Samangan durch einen Sprengsatz getötet, darunter mehrere Wahlhelferinnen. Der Präsidentschaftskandidat Ashraf Ghani Ahmadzai besuchte am Sonntag Opfer, die am Vortag verwundet worden waren, in einem Krankenhaus in Kabul.

          Wahlkommission: sieben Millionen Wähler

          Es war allgemein erwartet worden, dass die Taliban diesmal deutlich härter zuschlagen würden als beim ersten Wahlgang im April. Viele Wähler hatten noch die Bilder von den zwölf gehängten Talibankommandeuren im Kopf, deren Körper vor zehn Tagen an einem Stahlträger in der Provinz Nuristan aufgefunden worden waren. Die lokalen Behörden hatten mitgeteilt, dass die Kommandeure von maskierten Extremisten bestraft worden seien, weil es ihnen nicht gelungen war, beim ersten Durchgang der Präsidentenwahl im April genügend Angst und Schrecken zu verbreiten, um die Wähler von den Urnen fernzuhalten. Doch obwohl die Angst vor Anschlägen dieses Mal größer war, gaben laut Wahlkommission abermals rund sieben Millionen Afghanen ihre Stimme ab.

          Zu langen Schlangen vor den Wahllokalen kam es diesmal allerdings nicht mehr, weil anders als im April nicht auch noch gleichzeitig Provinzratswahlen abgehalten wurden, die den Prozess erheblich verzögert hatten. Deshalb fiel die Stimmung nach Angaben von Teilnehmern diesmal vielerorts weniger enthusiastisch aus. Dennoch äußerten viele Bürger nach der Stimmabgabe gegenüber afghanischen Fernsehsendern Stolz darüber, am ersten demokratischen Machtwechsel in der Geschichte des Landes teilgenommen zu haben.

          Allerdings gab es schon am Wahltag massive Betrugsvorwürfe auf Seiten beider Wahlkampfteams; Hunderte Beschwerden gingen bei den Wahlbehörden ein. Umfragen hatten vor der Abstimmung ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem früheren Außenminister Abdullah Abdullah und dem ehemaligen Finanzminister Ashraf Ghani Ahmadzai vorhergesagt. Gerade bei einem knappen Ergebnis könnte der zu erwartende Streit über Wahlfälschung das Land Monatelang lahmlegen. Das vorläufige Endergebnis wird erst für Anfang Juli erwartet.

          Im Ausland wurde mit Erleichterung aufgenommen, dass es den Taliban abermals nicht gelungen war, die Wahl signifikant zu stören. Die amerikanische Regierung sprach von einem „bedeutsamen Schritt“ für die Demokratie in Afghanistan. Der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Ján Kubiš, sagte am Samstag, „die Bürger Afghanistans haben heute einmal mehr entschieden, ihr Schicksal in ihre eigenen Hände zu nehmen“. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier bezeichnete die Wahl als „ermutigend“.

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