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Kommentar : Der einsame Wolf

Ferdinand Piëch, im Hintergrund seine Frau Ursula Piëch. Bild: dpa

Ferdinand Piëch schmeißt die Brocken hin – und tritt doch nicht von der VW-Bühne ab. In der letzten Präsidiumssitzung wurde deutlich, worum es wirklich geht.

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          Der Burgfrieden sollte halten. Ein paar Tage noch, bis zur Hauptversammlung am 5. Mai. Die wäre ohnehin keine gewöhnliche geworden. Wenigstens hätten Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstandsvorsitzender, dieses über Jahrzehnte eingespielte Duo, vom Podium aus die Geschicke, so gut es eben geht, lenken und einen Eklat vermeiden können. Dazu hätten sie sich zusammenraufen und so tun müssen, als gebe es einen Kitt. Zumindest Ferdinand Piëch war dazu nicht bereit. In einer Eile, die dem genialen Schachspieler bislang fremd war, hat er die Absetzung Martin Winterkorns betrieben; zunächst vor zwei Wochen durch einen seine Distanz zum bis dato unangreifbaren Vorstandsvorsitzenden ausdrückenden Satz, dann durch immer wieder geführte Gespräche mit entscheidenden Personen: den Arbeitnehmervertretern und der ihm familiär, aber nicht freundschaftlich verbundenen Familie Porsche.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Schon nach der ersten Krisensitzung des Aufsichtsratspräsidiums offenbarte sich Bemerkenswertes. Weder wollte Winterkorn klein beigeben und seinen Posten räumen, noch wollten dies die Mitglieder des Präsidiums. Zu aufgebauscht, zu unverständlich schien und scheint ihnen die Kritik an Stil und Arbeit des Vorstandsvorsitzenden. Offenbar hatte es Piëch erstmals versäumt, vor der Attacke seine Verbündeten zu formieren.

          Wind drehte immer stärker gegen Piëch

          Ja, im Konzern gibt es einige Baustellen: Nordamerika, günstige Kleinwagen, Rendite der Kernmarke, diese Dinge. Aber wer kann erwarten, dass in einem Unternehmen mit mehr als hundert Werken, zehn Millionen gebauten Autos im Jahr und sechshunderttausend Mitarbeitern stets alles rund läuft? Ja, Piëch hat Entwicklungen oft früher gesehen als andere und gegengesteuert, oft mit verachtender Kälte. Aber diesmal scheint die Lage anders zu sein. Auf Winterkorns Habenseite stehen Jahre des Aufschwungs, Tausende Arbeitsplätze und Gewinne in Milliardenhöhe. Auch alle folgenden Gespräche konnten die Stimmung nicht gegen ihn wenden. In solch einem Moment schlägt die Stunde von Information und Desinformation. Und der Wind drehte immer stärker – gegen Piëch. Sein Cousin Wolfgang Porsche wolle ihn „killen“, war zu vernehmen. Dann hieß es, er, Piëch, unterlaufe Absprachen. Dass er Porsche-Chef Matthias Müller aufgefordert haben soll, schon mal für den Umzug nach Wolfsburg zu packen, nötigte Piëch gar eines seiner seltenen Zitate ab: „Ich betreibe die Absetzung von Martin Winterkorn nicht.“ Da stand bereits die nächste Sitzung des Präsidiums an.

          Piëch ließ nicht locker und brachte seine Verbündeten in Stellung, einst mächtige Freunde aus früheren Zeiten. Erst meldete sich der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Wort, dann der 84 Jahre alte Ehrenvorsitzende des Aufsichtsrats, Klaus Liesen. Das verbesserte die Stimmung aber nicht. Hitzig war die Atmosphäre der Präsidiumssitzung am Samstag, und es wurde deutlich, worum es wirklich geht.

          Trieb Piëch eine Kränkung zu diesem Manöver?

          Ferdinand Piëch traut nur noch seiner Frau Ursula, von Winterkorn und dessen Mitarbeitern fühlt er sich verfolgt. Seit einem Artikel, der vor einiger Zeit im „Handelsblatt“ erschien, wonach Piëch aus gesundheitlichen Gründen bald den Aufsichtsratsvorsitz niederlegen werde und an Winterkorn weiterreichen müsse, sinnt Piëch auf Rache. „Totgesagte leben länger“, ließ er damals wissen, und er werde köpfen, sobald klar sei, wer die Information gestreut habe. Bekanntlich erwies sich der Artikel als falsch. Die Kränkung hat er nicht verwunden. Winterkorn und sein Kommunikationsleiter waren zum Ziel geworden. Der Plan, die in Dingen des Automobils nur an der Seite ihres Mannes ausgebildete Ursula zur Aufsichtsratsvorsitzenden zu machen, scheiterte aber am Widerstand vor allem der Familie Porsche. Der Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh wechselte überraschend nicht auf Piëchs Seite.

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          Da schmiss der vereinsamte Wolf zornig und bockig seine Posten hin und die seiner Frau gleich mit. Damit hatte niemand gerechnet, auch die Präsidiumsmitglieder nicht. Der Schock stand dem nun vorübergehend den Posten übernehmenden Berthold Huber ins Gesicht geschrieben, als er sagte: „Ich gehe davon aus, dass Ferdinand Piëch als Aktionär dem Unternehmen keinen Schaden zufügen möchte.“ Jenem Unternehmen, das der vom verschlafenen Beamtenapparat zu einem Konzern von Weltgeltung geführt hat. Aber wenn es gar nicht mehr um die Sache geht, sondern nur noch um Persönliches, was steht dann noch bevor? Womöglich schon am 5. Mai?

          VW und seine verunsicherte, ratlose, in zwei Lager geteilte Belegschaft werden noch nicht zur Ruhe kommen können. Es muss ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender gefunden werden, der, dafür will Piëch sorgen, auf keinen Fall Porsche heißen soll. Was Winterkorn, der alles andere als unversehrt im Amt bleibt, aus seinem vergifteten Triumph macht oder machen kann, ist noch nicht abzusehen. Ferdinand Piëch, das darf über den Tag hinaus nicht vergessen werden, bleibt Großeigentümer von VW. Er wird so nicht von der Bühne abtreten. Das ist unvorstellbar und wäre auch unwürdig; sein Genie würde Deutschlands Unternehmerwelt fehlen.

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