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Belgische Kraftwerke : Aachen probt die Atomkatastrophe

Kein Kinderspiel: In Aachen wird für den Gau geprobt. Bild: Braden Denton

Die Stadt an der Grenze fürchtet Unfälle in belgischen Kraftwerken. Denn Pannenmeldungen aus dem Nachbarland gehören zum Alltag. Man wappnet sich für den Ernstfall.

          In Aachen wird die Katastrophe schon geprobt. Das Szenario: eine Havarie im grenznahen belgischen Atomreaktor Tihange. Dann, wie meistens, Westwind. Eine halbe Stunde später erreicht eine strahlende Wolke die alte Kaiserpfalz und breitet sich weiter aus. Die Folge: Fukushima im Rheinland, sieben Millionen Betroffene. Nun könnte man meinen, in Deutschland gebe es derzeit andere Sorgen, als den Atomunfall zu üben. Das gilt aber nicht für Aachen und sein Umland. Dort droht aus Belgien das Allerschlimmste, jedenfalls befürchten das die Verantwortlichen in Stadt und Land.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Als Anfang Dezember in Aachen der Krisenfall in Stäben und Verwaltungen geprobt wurde, wusste Oberbürgermeister Marcel Philipp noch nicht, dass er drei Wochen später dem nuklearen Ernstfall schon wieder ein Stückchen näher sein würde. Denn kaum war die Katastrophenübung vorbei, geriet im Atomreaktor Tihange 1 eine elektronische Schalttafel in Brand. Automatisch fuhr die 1975 eingeweihte Anlage herunter – immerhin das funktionierte. Im gleichen Augenblick allerdings erwachte das atomare Nachbarmonster Tihange 2 zum Leben. Dieser Reaktor, ebenfalls mehr als vierzig Jahre alt, rissig und riskant, war seit einundzwanzig Monaten nicht in Betrieb gewesen.

          Pannenmeldungen gehören zum Alltag

          Damals hatte die belgische Kontrollbehörde Fanc das Kraftwerk nach einem Sicherheitstest vom Netz genommen. In der alten Kiste waren Tausende Haarrisse festgestellt worden, von denen bis heute niemand genau weiß, woher sie kommen und wohin sie führen könnten. Das allerdings schien der belgischen Atombehörde für den Moment egal, wo der Nachbarreaktor aussetzte und der Strom gebraucht wurde.

          Das allein war schon Grund zur Sorge für die Aachener und alle anderen, die westlich der Atommeiler leben. Andererseits hatte die brennende Schalttafel nicht direkt mit der eigentlichen Kernspaltung zu tun. Außerdem gehören solche Pannenmeldungen schon lange zum Alltag betagter Kraftwerke. So wurde in dieser Woche von der Schweizer Altanlage Leibstadt berichtet, die Notsysteme seien über anderthalb Wochen wegen eines Instandhaltungsfehlers nicht verfügbar gewesen.

          Das Atomkraftwerk liegt nahe der deutsch-schweizerischen Grenze ebenso wie drei von fünf Schweizer Anlagen. Reaktoren aus den siebziger und frühen achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind baulich und technisch ungefähr auf dem Stand eines VW-Golf der ersten Generation. Selbst wenn ihre Sicherheitstechnik zwischendurch überarbeitet wurde, bleiben sie doch steinalte und zunehmend auch riskante Anlagen. So war oder ist, niemand weiß es genau, die alte Tihange seit Jahren leicht inkontinent und verliert tagtäglich literweise radioaktives Wasser aus ihrem Abklingbecken.

          In Deutschland wurden solche Altreaktoren nach dem Tsunami und der folgenden Atomkatastrophe im japanischen Fukushima vom Netz genommen und stillgelegt, darunter Biblis, Brunsbüttel, Isar 1 und Krümmel. Auch alle anderen Kernkraftwerke sollen nach und nach vom Netz. Deutschland steigt aus. Ganz anders hingegen die Situation in Belgien. Dort gibt es zwei Kernkraftwerke aus den siebziger und achtziger Jahren, deren Laufzeit vor kurzem erst bis 2025 verlängert wurde, neben Tihange noch der Atomkomplex Doel mit drei Blöcken.

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