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Belgische Kraftwerke : Aachen probt die Atomkatastrophe

Höchstens ein Schrittchen

Jedenfalls hat das Ministerium neuerdings einen Kurswechsel eingeleitet. Bei einem Expertentreffen Anfang der Woche in Brüssel übergaben Vertreter des Umweltministeriums ihren belgischen Kollegen einen achtseitigen Fragenkatalog. Diesem Katalog war die erschreckende Nachricht zu entnehmen, dass deutsche Fachleute wie jene der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit oder der Reaktorsicherheitskommission ihr bisheriges Wissen über die Tausende Risse in den Anlagen offenbar den Internetseiten der belgischen Atomaufsicht entnommen haben. Weil dort die Ergebnisse der Sicherheitsprüfungen nicht im Detail verfügbar sind, gebe es, so die Fragesteller, „Mängel in der Nachvollziehbarkeit“. Mit anderen Worten, deutsche Experten und auch Umweltministerin Hendricks wissen wenig darüber, was sich in den belgischen Kernkraftwerken tut, und haben keinen Zugang zu entscheidenden Unterlagen.

Nach Ansicht des Umweltministers von Nordrhein-Westfalen ist der Fragenkatalog höchstens ein Schrittchen, hilft aber nicht weiter. Remmel sagte dieser Zeitung: „Die Bundesregierung muss die Situation der Bröckel-Reaktoren in Tihange und Doel auf die Tagesordnung der EU setzen. Denn dass die Kommission auf Politikfelder nationaler Regierungen Einfluss nehmen kann, steht außer Zweifel.“ Die Ministerin ignorierte diese Aufforderung vorerst, teilte aber mit, sie wolle demnächst die Initiative zu bilateralen politischen Gesprächen ergreifen. „Wenn notwendig, werden wir so lange nachfragen und insistieren, bis wir zufriedenstellende Antworten erhalten haben, die es uns ermöglichen, die Entscheidungen der ausländischen Atomaufsicht nachzuvollziehen“, sagt ihr Ministerium.

Hochdosierten Jodtabletten

In Aachen haben sie unterdessen den Eindruck, das reiche nicht. Viel tun können die Stadtverantwortlichen aber nicht, höchstens vorsorgen für den Fall, dass tatsächlich eine strahlende Wolke kommt. Um zu verhindern, dass dann Jod 131, eines der gefährlichen Spaltprodukte, in den Körper gelangt, wird jüngeren Menschen empfohlen, Tabletten mit normalem Jod zu nehmen, um damit sozusagen die Schilddrüse so zu füllen, dass sie kein verstrahltes Jod aufnimmt.

Im Ernstfall werden Jodtabletten an die Bürger ausgeteilt.
Im Ernstfall werden Jodtabletten an die Bürger ausgeteilt. : Bild: dpa

Solche Tabletten lagern die Ländern in ihren Katastrophenschutzbeständen. Für Nordrhein-Westfalen liegen 300.000 in der Apotheke der Aachener Uniklinik. Das ist weit weg, und es würde viel zu lange dauern, sie im Notfall zu verteilen. Eine der Empfehlungen aus der Aachener Katastrophenübung vom Dezember lautet deshalb, die hochdosierten Jodtabletten möglichst flächendeckend an Schulen, Arbeitgeber und auch Haushalte zu verteilen.

Solche Maßnahmen hält man in Berlin aber offenbar für einen Verstoß gegen den tierischen Ernst der Katastrophenvorsorge. So schreibt das Umweltministerium: „Eine Entscheidung im Raum Aachen, Notfallpläne in Kraft zu setzen und in diesem Zusammenhang Kaliumiodidtabletten (Jodtabletten) zu verteilen, würde derzeit jeder fachlichen Grundlage entbehren, da es keinen konkreten Anlass gibt.“

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