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11. September : Tausend Gutachten später

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Auf die Gesamtkonstruktion kommt es an

Das (unten gezeigte) Schema von Arup, das die Simulationsdaten zusammenfaßt, zeigt die Ausdehnung der Bauelemente unter Hitze. Je nach Material und Entfernung vom Brandherd ist sie unterschiedlich stark. So verschiebt sie das ganze Gefüge, verbiegt je nach Konstruktionsart Stützen oder schert die Befestigungsbolzen der Träger ab (wie es im World Trade Center passierte) und führt damit zu einer fortschreitenden Desintegration des ganzen Skeletts. Dann kann die Überlast von oben den Einsturz auslösen.

Bei der Konferenz im September 2005 wollte Barbara Lane ihre Kollegen mit dem Beispiel zweier Brandszenarien aus einer Hochhaus-Simulation wachrütteln. Die beiden simulierten Stahlskelette waren in Material und Brandschutz identisch und unterschieden sich nur in zwei Kleinigkeiten: Im einen Fall waren die Stützen versetzt angeordnet und hatten 9 Meter Abstand voneinander, im anderen Fall standen sie im Raster mit 10,5 Meter Abstand. Das erste Gebäude hielt dem Feuer stand, das zweite brach zusammen. Arup will damit sagen: Es kommt in Zukunft auf die Gesamtkonstruktion des Gebäudes an - und die ist am besten in einer vollständigen Simulation und mit einer Risikoanalyse im Einzelfall zu prüfen.

WTC hinterließ viele offene Fragen

Das Nist hält sich hingegen an die Meinung, eine haltbarere Brandverkleidung sei der wichtigste Schritt in die Zukunft. Nun werden seine neuen Normen von anderen Staaten übernommen werden. Schon heute beurteilen Auftraggeber von Ingenieurbüros wie Arup Planungen danach, ob sie wohl den Nist-Regeln folgen. Eine vielleicht nutzlose oder unsinnige Änderung von Bauvorschriften, abgeleitet aus zu kurz geratenen Analysen, kann allerdings nicht nur viel Geld kosten, sondern auch Menschenleben. Die richtigen bauphysikalischen Lehren aus 9/11 zu ziehen ist also von höchster Bedeutung. Der Fall des World Trade Center hat viele offene Fragen hinterlassen. Auch das ist eine davon.

Chaos in der Luft, Wirrnis am Boden

Der offizielle Bericht der 9/11-Kommission hat auch die verzweifelten Versuche der Flugüberwachungsstellen nachgezeichnet, den Verbleib der gekaperten Flugzeuge festzustellen, nachdem die Attentäter deren Identifikationssender ausgeknipst hatten. Das Überwachungspersonal konnte angesichts der sich überstürzenden Ereignisse kaum noch brauchbare Informationen sammeln. Bruchstückhaft wurden sie zwecks möglicher Abfangversuche an die Luftwaffe weitergeleitet, was eine solche Wirrnis zur Folge hatte, daß das militärische Führungspersonal selbst anderthalb Jahre später noch von ihr befallen war. Noch im Mai 2003 versicherten die Verantwortlichen, die Informationen über die meisten Entführungen seien ja doch recht früh eingetroffen. Der Bericht der Kommission, vorgelegt im Juni 2004, weist dagegen nach, daß das Personal der Luftabwehr nur in einem einzigen Fall kurz vor dem Einschlag einer der Maschinen eine verwertbare Mitteilung erhielt. Das war um 9.34 Uhr, als die Flugüberwachung in Washington ein unidentifiziertes Flugzeug im raschen Anflug auf das Weiße Haus meldete. Doch auch hier betrug die Vorwarnzeit kaum drei Minuten. Die längst gestarteten Abfangjäger waren jedenfalls noch Seite viel zu weit weg, um eingreifen zu können. Die Boeing 757 des American- Airline-Flugs Nummer 77 tauchte zu diesem Zeitpunkt gerade in eine steile 330-Grad-Kurve und steuerte mit Vollgas im Tiefflug auf das Pentagon zu, das nur noch fünf Meilen entfernt lag. Nur sehr geduldige Menschen studieren die Berichte. Viele glauben lieber an Verschwörung. Beim Einschlag ins Pentagon zerkrümelte der Flugzeugkörper auf der Stelle. WTC 7 wurde beim Angriff gar nicht getroffen. Warum stürzte dann auch dieser Turm ein? Was könnte bei künftigen Attacken helfen: besserer Brandschutz oder bessere Simulationen?

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