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11. September : Tausend Gutachten später

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Unterschiede zwischen beiden Türmen

Alles greift ineinander: die Computersimulation der Verwüstungen und der Brandtemperaturen in den Stockwerken, die Zuordnung und Analyse der geborgenen Stahlträger, die Fotos, auf denen die fortschreitende Einbeulung der Fassade und die immer weiter durchhängenden Decken dahinter vermessen wurden, die Videos, die den Einsturz, ausgehend von diesen Stockwerken, erkennen lassen. Es ist keine Frage, daß das Stahlskelett rund um die Einschlagstellen innerhalb kurzer Zeit so geschwächt wurde, daß jeweils der obere Gebäudeteil in diese Zone absackte und die Gewalt der fallenden Massen sich ungebremst zum totalen Einsturz fortsetzte.

Im Detail sieht das Nist aber sehr wohl Unterschiede zwischen beiden Türmen. Beim Nordturm WTC 1, in den das Flugzeug weiter oben und auf geradem Wege einschlug, soll die Strukturschwäche vor allem durch die Brände entstanden sein. Beim WTC 2 war es nach allen Analysen schon der Einschlag selbst, der die entscheidende Schwächung verursachte; dieser Turm stand ja auch nur noch halb so lang wie das vorher getroffene WTC 1. In beiden Fällen spielte offenbar das Tragwerk am Dach, das eigentlich nur der Installation der Turmantennen diente, eine wichtige Rolle bei der Neuverteilung der Lasten in den getroffenen Gebäuden - ohne diese Hut-Konstruktion wären sie wahrscheinlich noch schneller eingestürzt. Um solche Details geht es auch bei den Kommentaren der Experten. Das Nist erhielt von Dutzenden Fachleuten und Institutionen insgesamt 469 inhaltliche Anmerkungen.

Experten konkurrieren mit Analyseansätzen

Allein 83 davon stammen von Barbara Lane, der Leiterin einer Arbeitsgruppe beim großen Ingenieurbüro Arup, das bereits die Planung vieler spektakulärer Bauten in aller Welt verantwortet hat, darunter die Oper in Sydney. Arup hatte, gemeinsam mit Brandexperten der Universität Edinburgh, dem Nist die Ausführung einzelner Analysen angeboten, kam aber damals nicht zum Zug und begann schließlich auf eigene Faust mit Simulationen: „Wir konnten gar nicht bis 2005 auf fremde Ergebnisse warten, denn nach dem 11. September verlangten unsere Auftraggeber sofort und in ungeahntem Ausmaß harte Zahlen für die Sicherheit von Hochhausbauten“, beschreibt Barbara Lane diesen Entschluß. Um es kurz zu machen: Lane zweifelt zentrale Folgerungen des Nist höflich, aber bestimmt an.

Es gibt auch noch andere skeptische Einwände, und in der Abschlußkonferenz des Nist im September 2005 trafen sie aufeinander. Arup konnte dabei die umfangreichsten eigenen Daten vorweisen (einzusehen auf www.arup.com). Letztlich sind es zwei Analyseansätze, die hier konkurrieren. Die Nist-Experten gehen eher forensisch vor, zielen also auf die Daten des konkreten Falls und die Auswirkungen einzelne Bauteile. Arup hat hingegen eine vollständige Simulation eines Hochhauses in der WTC-Bauweise angelegt, um die mechanischen Vorgänge unter Brandeinwirkung bis hin zum Einsturz zu verstehen. Der Vorteil dieser Methode besteht - wie bei der beschriebenen Pentagon-Simulation - darin, Eingabewerte verändern und Szenarien bilden zu können. So trifft Arup auch Aussagen über die Temperatur, die das Material der beiden Türme bei den Bränden erreichte. Selbst bei einer intakten Brandverkleidung, der das Nist große Bedeutung beimißt, erreichten die einzelnen Fachwerksträger der Stockwerksböden sehr schnell 800 Grad Celsius, also eine Temperatur, bei der Stahl bereits die Hälfte seiner Festigkeit einbüßt. Nach einer Stunde waren auch die Stützen der Fassade schon 400 Grad heiß.

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