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Beginn des Zweiten Weltkriegs : Der totale Krieg

Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 entfesselte Hitler ein Inferno. Bild: dpa

Der Zweite Weltkrieg prägt die Politik Deutschlands bis heute. Doch welche Verpflichtung erwächst ihm aus dem Schwur „Nie wieder“? Und wie reagieren die Deutschen darauf, dass mitten in Europa gegen die Grundsätze verstoßen wird, die bisher zu den unumstößlichen Lehren aus dem von Hitler entfesselten Inferno gezählt wurden?

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          Da log Goebbels nicht. Der „totale Krieg“, den er dem deutschen Volk nach Stalingrad in seiner Sportpalastrede verhieß, wurde in der Tat „totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können“. Einen Krieg wie diesen Weltenbrand hatte es zuvor nicht gegeben, und auch keiner danach kam ihm gleich, obwohl mancher Kriegsherr sich darum bemühte.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Hitler aber ließ sich nicht übertreffen. Er entfesselte mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 ein Inferno, dessen Ziel die Vernichtung von ganzen Völkern und Staaten war. Doch die Welt, die er beherrschen wollte, wusste sich zu wehren; sie schlug mit aller militärischen Macht und Brutalität zurück. Auch die Deutschen bekamen zu spüren, was totaler Krieg bedeutet: von Brandbomben eingeäscherte Städte, Vertreibung, Massenmord. Der ausgeglühte Staat der Deutschen wurde zerstückelt, Gebiete, die seit Jahrhunderten zum deutschen Osten gehörten, gingen verloren.

          Diese Erfahrungen bestimmen auch noch fünfundsiebzig Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs das Verhältnis der Deutschen zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Krieg wird in Deutschland nicht mehr als ein Mittel der Politik betrachtet, sondern als das Ergebnis des totalen Versagens: der Politik, der Vernunft, der Moral. Der Begriff Krieg steht für die Deutschen seit Hitler für Herrenmenschenwahn, Auslöschungswut, Zivilisationsbruch. Dazu gesellten sich bald die Schreckensvisionen eines nuklearen Armageddons. Das „Nie wieder Krieg!“ war nur zu verständlich.

          Doch leider folgte nicht die ganze Welt dem deutschen Beispiel. Stalin und eine lange Reihe anderer Diktatoren ließen keinen Zweifel an ihrer Bereitschaft, weiterhin Kriege aus politisch-ideologischen Gründen und zur Ausdehnung ihrer Schreckensherrschaft zu führen. In heftigen Auseinandersetzungen rang sich daher die von Amerika gedrängte Bundesrepublik dazu durch, sich wenigstens zur eigenen Verteidigung zu bewaffnen. Das genügte den Alliierten damals vollauf. Wer wollte sich auch auf ein Land verlassen, das sich in Fragen von Krieg oder Frieden selbst nicht über den Weg traute?

          Mit der friedlichen Wiedervereinigung und dem schon zuvor vielfach demonstrierten Willen zur Aussöhnung überzeugten die Deutschen ihre Nachbarn und Verbündeten, dass von ihnen endgültig keine Gefahr mehr ausgehe. Tatsächlich fielen sie nun ins andere Extrem: Nur höchst widerwillig fing das mit sich selbst zufriedene Deutschland an, sich an internationalen Ordnungsaufgaben zu beteiligen; es hätte ihm auch weiterhin gereicht, die Krisenbewältigungsversuche der anderen zu kritisieren.

          Wieder strebt ein Aggressor die Weltherrschaft an

          Das war für einen Staat im Herzen Europas mit eigenen Interessen und dem wirtschaftlichen und politischen Gewicht Deutschlands aber zu wenig. Seither quält es sich bei jedem Gewaltausbruch in der Welt mit der Frage, welche Verpflichtung ihm aus dem Schwur „Nie wieder!“ erwächst: Dass es nie wieder in den Krieg zieht, egal, was jenseits seines Jägerzauns geschieht? Oder dass es nie wieder untätig zusieht, wenn friedliche Staaten und unschuldige Menschen mit Krieg überzogen werden, nur weil sie die „falsche“ ethnische Zugehörigkeit oder Religion haben?

          Im Kosovo-Krieg rang sich Deutschland unter Schmerzen dazu durch, „ethnische Säuberungen“, also das Vertreiben und Massakrieren von ganzen Volksgruppen, wenigstens in Europa nicht zu dulden. Auch damals gab es neben den humanitären Motiven gewichtige „realpolitische“ Gründe dafür, Milosević in den Arm zu fallen.

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          Angriff auf westliche Demokratien: Kämpfer der ISIS-Brigaden vor einem brennenden Polizeiauto. Wie soll Deutschland seine internationale Verantwortung wahrnehmen? : Bild: AP

          Doch erst seit dem Erscheinen des transnationalen islamistischen Terrorismus wagen es deutsche Politiker, die Beteiligung an militärischen Interventionen (das Wort „Krieg“ war noch bis weit in den Afghanistan-Einsatz hinein tabu) mit einem deutschen Interesse zu begründen: seiner Sicherheit und der seiner Verbündeten. Denn wieder ist den westlichen Demokratien ein totaler Krieg erklärt worden, und dieses Mal befindet sich Deutschland auf ihrer Seite. Auch dieser Aggressor negiert die Werte des freien Westens und strebt die Weltherrschaft an: ein den Erdkreis umspannendes Kalifat.

          Kein Mittel gegen Putins Muskelspiele

          Der nicht erst am 11. September 2001 begonnene und mittlerweile in viele Länder getragene „Heilige Krieg“ ist jedoch nicht die einzige Herausforderung, der sich ein in Frieden, Freiheit und Wohlstand lebendes Deutschland stellen muss. Mitten in Europa wird gegen die Grundsätze verstoßen, die bisher zu den unumstößlichen Lehren des Zweiten Weltkriegs gezählt wurden: dass es keine gewaltsame Änderung von Staatsgrenzen mehr geben dürfe und alle Konflikte zwischen Nachbarn gewaltlos ausgetragen würden.

          Der Westen hält daran auch im Streit mit Putin fest, weil eine militärische Auseinandersetzung mit Russland unkalkulierbaren Schaden anrichten würde, den mit Recht niemand riskieren will. Putin aber nutzt seine militärischen Möglichkeiten zu politischen Zwecken, und dagegen haben EU und Amerika noch kein wirksames Gegenmittel gefunden. 75 Jahre nach der „Erledigung der Rest-Tschechei“ und Hitlers Griff nach Polen stehen die westlichen Demokratien wieder vor Fragen, von denen sie gedacht hatten, sie müssten sie wenigstens in Europa nie wieder beantworten.

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