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70 Jahre Vereinte Nationen : Das ganz große Ganze

Aus der Sicht des Redners: die Versammlungshalle der Vereinten Nationen in New York. Bild: Reuters

In New York hat sich die Weltgemeinschaft versammelt, es ist ein neues Superlativ in der Stadt der Superlative. Die Botschaft: Wir meinen es ernst.

          5 Min.

          Die Visionen werden im Ausnahmezustand entworfen. Manhattan gleicht noch mehr als sonst während der alljährlichen UN-Woche Ende September einer Hochsicherheitszone: Straßen rund um das Hauptquartier am East River sind abgesperrt, die New Yorker Polizei ist zumindest östlich vom Central Park allgegenwärtig und ständig rauschen Autokolonnen mit Blaulicht und Sirenen durch die Stadt. Grund dafür ist ein neuer Superlativ in der Stadt der Superlative:

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Noch nie sind so viele Staats- und Regierungschef bei den Vereinten Nationen versammelt gewesen wie in diesen Tagen, da zwei Treffen der Weltgemeinschaft einander folgen: Papst Franziskus eröffnete am Freitag den Gipfel zur sogenannten 2030-Agenda, sodann folgt – von Montag an – die Generaldebatte zur Eröffnung der 70. Vollversammlung im UN-Jubiläumsjahr. Bis Ende September werden 170 Staats- und Regierungschefs in New York gewesen sein.

          Die Botschaft, welche durch die Anwesenheit des Papstes und die Zahl an Regierenden zum Ausdruck gebracht wird, ist klar: Wir meinen es ernst. Die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, die in New York beschlossen werden und welche die auslaufenden Millenniums-Entwicklungsziele von 2001 ablösen, sind ambitioniert: Die Abkürzung „SDG“ (für „Sustainable Development Goals“) ist quasi der Kodex zur „Verwandlung der Welt“ – genau das ist das Ziel des Programms. Universell soll es sein, das heißt nicht nur die Entwicklungsländer adressieren, sondern auch Schwellenländer und Industriestaaten. Integrativ soll es sein, also wirtschaftliche ebenso wie soziale und ökologische Dimensionen umfassen. Und partnerschaftlich.

          In den Kreisen der Regierenden sitzt auch eine übermüdete Angela Merkel

          17 Oberziele und 169 Einzelvorgaben wurden formuliert – von der Gleichberechtigung von Frauen über die Bekämpfung von Epidemien und dem Schutz der Meere bis hin zur Sicherung der Lebensgrundlagen für Milliarden Menschen. Ein robustes Überprüfungsregime soll sicherstellen, dass die Länder ihre selbst gesteckten Ziele bis 2030 einhalten. Freilich: Sanktionen bei Nicht-Erfüllung sind nicht vorgesehen. Es gibt nun einmal keinen Klima- oder Gender-Strafgerichtshof.

          Der Papst nutzt in New York die einmalige Gelegenheit, 150 Staats- und Regierungschef, die am Freitag im Saal der Vollversammlung sitzen, ins Gewissen zu reden: Die feierlich übernommenen Verpflichtungen reichten nicht aus, auch wenn sie einen notwendigen Schritt auf dem Weg zu den Lösungen darstellen. Die Welt verlange „von allen Regierenden einen wirklichen, praktischen, beständigen Willen zu konkreten Schritten und unverzüglichen Maßnahmen“. Dass der Papst den Gipfel eröffnet, wird allgemein als passend empfunden, da dessen Enzyklika Laudato si´ als Präambel der SDG gelesen werden kann.

          Im Kreise der Regierenden sitzt auch die etwas übermüdete Angela Merkel. Die hat wieder einmal eine dieser Wochen hinter sich: am Mittwoch der EU-Sondergipfel zur Flüchtlingskrise in Brüssel. In der Nacht Rückflug nach Berlin. Drei Stunden Schlaf, sodann Regierungserklärung im Bundestag; es folgte der nationale Flüchtlingsgipfel mit den Ministerpräsidenten im Kanzleramt bis spät in den Abend. Direkt im Anschluss Flug nach New York. Nach den Ukraine-Dauerverhandlungen im Winter, der Griechenland-Schlacht im Sommer nun eine weiterer Gipfelmarathon. Merkel kennt diese Wochen am Rande des Wahnsinns – und nimmt sie inzwischen fast mit Humor.

          Im Ausnahmezustand befinden sich eben nicht nur Manhattan, sondern weite Teile der Welt. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die am Freitagnachmittag New Yorker Zeit reden sollte, hatte schon am Donnerstag in ihrer Regierungserklärung hervorgehoben, dass die Zielsetzung, „Armut in jeder Form und überall“ zu eliminieren, auch das Leben der Deutschen direkt betreffe. Die Flüchtlingskrise sei keine allein deutsche, noch nicht einmal eine allein europäische Herausforderung, sondern eine globale: 60 Millionen Menschen seien weltweit auf der Flucht. So verbindet sie das große Ganze und die vielen Krisen: Entwicklungsgipfel, Flüchtlingskrise, Syrien-Krieg, Klimapolitik – alles hängt mit allem zusammen.

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