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Prager Aufstand 1945 : „Schlagt sie, tötet sie, lasst keinen am Leben!“

  • -Aktualisiert am

Aufständische in Prag rücken am 5. Mai 1945 auf den Rundfunksender vor. Bild: INTERFOTO

Mit dem Prager Aufstand begann die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und Mähren. Obwohl sie einige Merkmale eines Genozids aufweist, erhebt bis heute keine Regierung diesen Vorwurf.

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          Das letzte Kapitel deutscher Geschichte auf böhmischem Boden begann am Abend des 4. Mai 1945 mit der Missachtung der Verwaltungsvorschriften des Protektorats. Unter dem Beifall der Passanten übermalten mutige junge Tschechen Straßenschilder und andere deutsche Aufschriften mit tschechischen Worten. Am Morgen des 5. Mai, es war ein Samstag, durchstreiften bewaffnete Banden von Jugendlichen die Stadt, sogenannte Revolutionsgarden. Da viele Tschechen Waffen besaßen, war es nicht schwer, sie auszurüsten. Da und dort wurden deutsche Soldaten umstellt und entwaffnet. Angehörige der Waffen-SS, unter ihnen Sudetendeutsche, wurden auf der Stelle erschossen. Am Vormittag nahmen die Aufständischen den Rundfunksender ein. Aus den Lautsprechern in den Straßen ertönte die Parole „Tod den Deutschen“. Es war das Signal zum Prager Aufstand, der Auftakt zur Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und Mähren.

          „Vudce padl“ („Der Führer ist gefallen“), berichtete die Protektoratszeitung „Narodni Politika“ am 2. Mai 1945, noch mit einem großen, schwarz umrandeten Hitler-Foto auf ihrer Titelseite. Der Führer habe, so lasen die Tschechen dort, „auf seinem Gefechtsstand in der Reichskanzlei bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus gekämpft“. Anders als in Polen, in der Slowakei oder in Jugoslawien war es dem Widerstand im Protektorat Böhmen und Mähren nicht gelungen, erhebliche Teile der Bevölkerung für sich zu gewinnen. „Nur eine kleine Minderheit von unseren Millionen leistete aktiven Widerstand“, schrieb der Widerstandskämpfer und Historiker Radomir Luža. „Den Deutschen gelang es, den Rest unter einem Albdruck des Terrors zu halten. Andererseits aber war jeder ein passiver Widerstandskämpfer.“ Fast den ganzen Krieg hindurch waren Böhmen und Mähren von Kampfhandlungen verschont geblieben. Die Passivität und die stille Kollaboration der Tschechen erkauften sich die deutschen Besatzer, indem sie ihnen Lebensbedingungen gewährten, die deutlich besser waren als im Deutschen Reich.

          Doch im Frühjahr 1945 minderte der Siegeszug der Alliierten die Furcht vor den Deutschen. Zugleich setzte das Eindringen des Krieges die elementaren Sicherheiten außer Kraft, die das Besatzungsregime den Tschechen gewährt hatte. Am 5. April veröffentlichte die neue tschechoslowakische Regierung der Nationalen Front unter dem Schutz der Roten Armee im slowakischen Kaschau (Košice) ein volksdemokratisches Programm im Zeichen des „gesamtnationalen Kampfes der breitesten Massen gegen die Okkupanten“. Die Stunde der Rache war gekommen.

          Die Rote Armee rückte über Mährisch-Ostrau (Ostrava), Göding (Hodonín) und Brünn auf Prag zu, während die Amerikaner die Westgrenze des Protektorats erreichten. Am 6. Mai befreiten sie Pilsen, ihre Aufklärungstruppen kamen nahe an Prag heran, zogen sich aber auf die vereinbarte Demarkationslinie zurück, um der Roten Armee die Einnahme Prags zu ermöglichen. Vergeblich ersuchte Churchill die Amerikaner, den Vormarsch in Böhmen fortzusetzen. General Eisenhower hielt sich an die Absprache mit den Sowjets. Unterdessen bombardierten die Alliierten die Bahntrassen westlich von Prag. Karl-Hermann Frank, Hitlers Staatsminister für Böhmen und Mähren, hatte lange gezögert, einer teilweisen Räumung der Stadt zuzustimmen. Als er es tat, war es schon zu spät. Die Züge, die er für den Abtransport der deutschen Frauen und Kinder bereitstellen ließ, konnten den Bahnhof Prag-Bubna nicht mehr verlassen. Zu dem zuletzt erwogenen Fußmarsch bis zum Böhmerwald kam es nicht mehr. Die Deutschen waren eingekesselt, als der Endkampf um Prag begann.

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