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Russisches Gedenken : Unter jeder Beere eine Leiche

Vier von zehn Russen finden ihn wieder gut: Eine Stalin-Statue im Moskauer Museum des Großen Vaterländischen Krieges mit Veteranen. Bild: AFP

Russlands Präsident Putin nutzt den 70. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland zur Propagandaschau. Die Millionen Opfer des Krieges und des Stalinismus kommen darin nicht vor.

          Glutrot strahlt der Saal. Aus Lautsprechern erklingen Geigen und Märsche. Über 18 Leinwände fliegen Kampfflugzeuge und Hubschrauber. Dann starten gewaltige Raketen von Transportwagen und Rampen in Wald und Steppe. Es ist, als tanzten sie. Ein ballistisches Ballett.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Bilder sind das Finale eines Films, der derzeit im Moskauer Zentralen Haus des Künstlers gezeigt wird. „Sieg!“ heißt die Ausstellung, die als „Festival“ angekündigt ist. Ein Fest mit Ausrufezeichen soll der 9. Mai sein, der 70. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg. Man erinnert an die Opfer des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Es waren – nach der gängigsten Schätzung – 26,6 Millionen Tote. Noch mehr Zivilisten als Soldaten, kaum eine Familie blieb verschont.

          Zugleich wird, wie in „Sieg!“, die russisch-sowjetische Geschichte als Abfolge von militärischen Erfolgen dargestellt. Vom Mittelalter bis 1945 und darüber hinaus. Die Botschaften sind klar: Gerechter Sieg dank starkem Staat. Starker Staat dank entschlossener Führung. Von den Siegen über das Böse der vergangenen 750 Jahre wird eine Linie bis heute gezogen. Bis in die Ukraine und den Konflikt mit dem Westen.

          Im Zentralen Haus des Künstlers kann sich jeder wie ein Sieger fühlen. Im Foyer steht die Pappfigur eines Soldaten mit Sturmgewehr am Meeresufer. Wo der Kopf wäre, ist ein Loch. Für Erinnerungsfotos. „Emotionen des Sieges“ heißt die Aktion. Eine Idee des Verteidigungsministeriums, das an „Sieg!“ beteiligt ist. Im ersten Stock gibt es Literatur über den Krieg zu kaufen. Zum Beispiel „Der große Stalin“, „Stalin und Christus“ und „Wie sie Stalin töteten“, eine Alternativversion zum natürlichen Ableben des Diktators.

          Im zweiten Stock erinnern Zeitungsseiten der „Komsomolskaja Prawda“ aus den Kriegsjahren daran, „wie der Sieg geschmiedet wurde“. Nicht nur die Sprache der Artikel über den Kampf gegen die „faschistischen Banden“ ähnelt den heutigen Berichten des Staatsfernsehens über das Geschehen in der Ukraine. Eine Tafel würdigt im Krieg gefallene Mitarbeiter, die Zeitung erhielt 1945 einen Verdienstorden. Im vergangenen Jahr zeichnete Präsident Wladimir Putin, dem das heutige Boulevardblatt „Komsomolskaja Prawda“ zur Seite steht, 300 Medienvertreter aus, die in seinem Sinne über die Annexion der Krim berichtet hatten.

          Was zählt sind tanzende Raketen

          Im Saal daneben sind an einer Wand Schwarzweißfotografien fröhlicher Soldaten des Jahres 1945 zu sehen. Von der Wand gegenüber lachen in Farbe Soldaten von heute. „Sieg!“ zeigt auch, direkt neben Porträts von Stalin, Roosevelt und Churchill, einen Putin in Öl, der mit sorgenvoller Miene durch den Kreml schreitet. Kontinuitäten allenthalben.

          Mit Details hält man sich nicht auf: Wo im Hauptfilm im roten Saal die Schlacht zu lange her war, haben sich die Macher mit Spielfilmausschnitten beholfen. Als endlich die sowjetischen Soldaten auf historischen Aufnahmen vorwärtsstürmen, erfährt der Zuschauer nicht, wo das ist. Auch nicht, wie viele bei den Kämpfen umgekommen sind. Wie die Zahl der sowjetischen Opfer des Krieges lange viel zu niedrig angegeben wurde; Stalin sprach 1946 von „rund sieben Millionen Menschen“. Was zählt, sind die tanzenden Raketen am Ende.

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