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Russisches Gedenken : Unter jeder Beere eine Leiche

„Alles wird auf die Konzeption ‚Sieg‘ gepolt.“ Wie in Putins Ausspruch: „Wir sind eine Nation der Sieger.“ Die Russen seien, getreu dieser Lehre, „immer Sieger“ gewesen, im Weltall, in Lehre und Wissenschaft, seit dem vergangenen Jahr angeblich sogar im Ersten Weltkrieg. Der größte Sieg sei in dieser Linie der über den Faschismus und das nationalsozialistische Deutschland als das „absolute Böse“. Der Sieg, sagt Roginskij, diene als „Rechtfertigung für alles“. In der Konsequenz auch für die Opfer des Stalinismus, für die sich nie ein Täter in einem Gerichtsverfahren habe verantworten müssen.

Der Staatsterror liege schlicht „außerhalb des Verständnishorizontes“. Das mythische „Siegesbewusstsein“, sagt Roginskij, sei nach dem Ende der Sowjetunion in eine Krise geraten. Doch habe Putins Geschichtspolitik die „alte sowjetische Identität“ zurückgebracht. Lange sei das nur Rhetorik gewesen. „Aber dann kam die Krim.“ Die Annexion der Halbinsel, welche die Russen selbst nicht sonderlich interessiere, erscheine als die „Fortsetzung der Gerechtigkeit, des Weges des Sieges“.

Bild ohne Grau

Es ist ein Bild, das keine Grautöne kennt. So trägt die Preisverleihung des „16. allrussischen Wettbewerbs historischer Forschungsarbeiten für Schüler der oberen Klassen“, die kurz vor Beginn des Siegesgedenkreigens in einem Moskauer Theater stattfindet, fast schon subversive Züge. Die Schüler haben sich mit Schicksalen von Menschen in Russland im vergangenen Jahrhundert befasst. Viele von ihnen mit eigenen Verwandten, die zu Opfern von Krieg oder Terror wurden. Sie haben, angeleitet von engagierten Lehrern, Zeitzeugen befragt. Memorial hat mit anderen Ausrichtern des Wettbewerbs, den deutsche Stiftungen fördern, die besten vier Dutzend von 1800 Teilnehmern in die Hauptstadt eingeladen.

Auszüge ihrer Forschungen werden auf der Bühne verlesen. Geschichten wie die eines jungen Mannes, der recherchierte, dass von 16 seiner Verwandten, die im Krieg kämpften, sechs fielen; einer der Frontkämpfer habe seinen Sohn im Terror, den „Repressionen“, verloren. „Vor zehn Jahren waren bei der Preisverleihung auf dieser Bühne noch Frontkämpfer“, sagt Irina Schtscherbakowa, die für Memorial den Wettbewerb organisiert, auf der Bühne.

„Ehemalige Kriegsgefangene, die danach in Stalins Lager kamen. Sie sagten alle: Man darf die Erinnerung an den Krieg nicht in eine Erinnerung an den Sieg verwandeln. Man muss an die Opfer erinnern.“ Eine Mitarbeiterin der Moskauer Stadtverwaltung erinnert daran, „wie viele im GULag starben, die das Land so dringend gebraucht hätte“. Sie kritisiert, dass man nun wieder, wie unter Stalin, nach „Feinden des Volkes“ suche.

Auch die 88 Jahre alte Ljudmila Alexejewa ist zur Preisverleihung gekommen. Sie ist eine Veteranin der Menschenrechtsbewegung. Unter Tränen und mit brüchiger Stimme sagt sie, dass immer noch im Krieg gefallene Soldaten nicht bestattet seien, weil kein Geld dafür da sei, ihre Gebeine zu suchen. Ihr eigener Vater sei nahe Leningrad gefallen.

In einem Waldstück, in dem die Leute vor dem Krieg immer Beeren gesammelt hätten. Danach nicht mehr: „Unter jeder Beere lag eine Leiche.“ Man möge bei der großen Militärparade am Samstag nicht so sehr auf die Flugzeuge und Panzer blicken, sagt Alexejewa, sondern an die Millionen denken, die, ohne dass die Mächtigen Dankbarkeit für das Heldentum gezeigt hätten, „ihr Leben dafür gaben, dass der Krieg mit einem Sieg für uns zu Ende ging“.

Siegesparade ohne die früheren Verbündeten

Am 9. Mai, dem „Tag des Sieges“, sollen mehr als 15.000 Soldaten über den Roten Platz marschieren. Auch militärisches Gerät wird präsentiert, wie seit 2008 wieder üblich. Etwa Interkontinentalraketen, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Und der als „Panzer der Zukunft“ gefeierte T-14 oder „Armata“.

Eingeladen waren 68 Staats- und Regierungschefs sowie Vertreter internationaler Organisationen. Die meisten westlichen Politiker bleiben der Parade unter Hinweis auf den Krieg im Donbass und die Annexion der Krim fern. Kein Staats- und Regierungschef aus den Reihen der Verbündeten der Sowjetunion gegen das nationalsozialistische Deutschland wird nach Moskau kommt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat einen Kompromiss gewählt: Sie kommt nicht zur Siegesparade, sondern legt tags darauf im Beisein von Präsident Wladimir Putin einen Kranz am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kreml-Mauer nieder.

Zur Parade werden dagegen die Präsidenten Chinas, Indiens, Vietnams, der Mongolei und Südafrikas erwartet sowie eine Reihe von Führern von Verbündeten und Vasallen Moskaus wie Kasachstan und die von Georgien abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien. Auch Kubas Präsident Raúl Castro will kommen. Nordkorea schickt seinen Parlamentspräsidenten, nachdem Machthaber Kim Jong-un kurzfristig abgesagt hat. Unklar ist bislang, ob der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras nach Moskau reist.

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