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Russisches Gedenken : Unter jeder Beere eine Leiche

Dem Westen warf Medinskij, auch hierin Putin variierend, vor, den Stalinismus mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen. Nachdem Deutschland schon 1945 als Kriegsschuldiger bestraft worden sei, solle nun noch Russland als Nachfolgerin der Sowjetunion bestraft werden. Das offizielle Moskau feiert den Sieg in einer Wagenburg.

Vor kurzem strahlte das Staatsfernsehen den zweiten stundenlangen Jubelfilm über Putin binnen kurzer Zeit aus. Der Präsident erscheint als Selfmademan, der Russlands Interessen verteidigt. Gegen die Oligarchen und den Westen und zur Not auch mit Atomwaffen. Doch in diesen siegesschwangeren Tagen häufen sich auch die Ehrbezeugungen für Stalin. Am Donnerstag voriger Woche wurde in der Stadt Ussurijsk im Fernen Osten Russlands eine Gedenkplakette für den Diktator enthüllt. Als Initiator trat ein Rat von Veteranen in Erscheinung.

Andernorts ist es die Kommunistische Partei. Sie hat versprochen, dass bis zum 9. Mai in verschiedenen Regionen Russlands rund 15 Denkmäler aufgestellt würden. Es gibt aber auch andere Meldungen. Im Gebiet Twer nördlich von Moskau sollte ein Stalin-Museum eröffnet werden. Dann war nur noch von einer Ausstellung über einen Frontbesuch des Diktators die Rede, deren Eröffnung zudem verschoben wurde. Über eine Rückbenennung Wolgograds in Stalingrad wurde im vorigen Jahr zwar diskutiert, doch die Initiative verpuffte.

Stalinismus ohne Stalin

Für Arsenij Roginskij, den Vorsitzenden der Menschenrechtsorganisation Memorial, hängt die Unbestimmtheit damit zusammen, dass „die Macht“ nicht geklärt habe, wie sie zu Stalin stehe. „Wollte es Putin, gäbe es schon 100 Denkmäler“, sagt der Historiker. Doch sei die gegenwärtige Konjunktur des Diktators und Schöpfers des GULag-Systems kein Zufall.

Denn Putins Politik und das Programm der Staatsmedien seien „wie Stalinismus ohne Stalin“. Wo der Staat als Sachwalter des Guten dargestellt werde, „kann Stalin nicht schlecht sein“. In Umfragen hat die Zahl der Russen, die Stalin Abneigung entgegenbringen, in den vergangenen 15 Jahren deutlich abgenommen; Ende März standen dem Diktator laut des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum vier von zehn Russen positiv gegenüber. Eine Nebenwirkung des Siegestaumels.

Memorial entstand Ende der achtziger Jahre im Kampf um ein Mahnmal für die Opfer des Stalinismus. Roginskij schätzt allein die Zahl der direkten Opfer, die aufgrund von Anschuldigungen oder als bloßer Teil einer Gruppe getötet wurden, auf bis zu zwölf Millionen Menschen. Viele Millionen indirekter Opfer, etwa von Hungersnöten, kommen hinzu. Auch Putin kritisiert Stalins „Repressionen“, bezeichnet ihn aber als „effektiven Manager“.

Vor allem brauche und benutze Putin die „Stereotype in den Köpfen“, erläutert Roginskij und zählt auf: „Wir sind die Besten, die Gerechtesten, haben immer nur Gutes getan. Um uns herum sind Feinde, die uns kolonisieren wollen, und kleine, undankbare Länder. In Russland selbst ist eine fünfte Kolonne.“ Zu der gehört von Staats wegen auch Memorial. Die Organisation ist einer von mittlerweile 58 „ausländischen Agenten“, die das Justizministerium ausmacht. Es gehe dem Kreml um Legitimation und Rechtfertigung aus der Geschichte, sagt Roginskij.

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