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Russisches Gedenken : Unter jeder Beere eine Leiche

Am 9. Mai feiert Russland den „Tag des Sieges“ über Hitler-Deutschland. Bei den Vorbereitungen für die Parade sind klare Anklänge an die Sowjetunion nicht zu übersehen. Bilderstrecke

Markenzeichen des Sieges sind die schwarz-orangefarbenen Georgsbändchen. Sie wehen von Rucksäcken, Rückspiegeln, Kinderrädern und Busfahreruniformen. Freiwillige verteilen sie an U-Bahn-Eingängen. Kein Kreml-Politiker tritt mehr ohne sie auf. Seit zehn Jahren soll das Band an die Heldentaten der Soldaten des „Großen Vaterländischen Krieges“ erinnern. Doch mittlerweile wird seine Bedeutung ausgeweitet: Als „Symbol des Kampfes für die menschliche Zivilisation“ und „gegen die Dominanz einer Weltmacht“, der Vereinigten Staaten, hat Dmitrij Kisseljow das Georgsband jüngst bezeichnet.

Er leitet die Staatsmedienagentur „Russland Heute“. In seiner Fernsehwochenschau rühmt er Russlands nukleare Schlagkraft und hetzt gegen „Gayropa“, das „schwule Europa“. Weil sich in der Ukraine ein „faschistisches System“ herausbilde, sagte Kisseljow weiter, sei das Georgsband „nicht mehr nur ein Zeichen des Gedenkens“, sondern eine „Aufforderung an unsere Zeitgenossen“, den „Staffelstab von den Veteranen fest in die Hand zu nehmen und die Freiheit der Zivilisation zu verteidigen“. In der Ostukraine schmücken die Separatisten ihre Gewehre und Uniformen mit dem Band. Es verbindet den Sieg von 1945 mit dem Krieg von heute. Nur, dass der offiziell Bürgerkrieg genannt wird.

Hitler-Stalin-Pakt wird umgedeutet

Auch das Kulturministerium fördert die „Sieg!“-Schau. Der Minister, Wladimir Medinskij, geht regelmäßig gegen in- und ausländische Kulturerzeugnisse vor, die dem traditionalistisch-nationalistischen Kurs zuwiderlaufen. Medinskij ist auch ein Vorkämpfer, wenn es darum geht, die Kontinuität des russisch-sowjetischen Kampfes für das Gute zu beschwören – um den Preis, Verbrechen an eigenen und fremden Völkern zu rechtfertigen.

Vor kurzem hielt Medinskij eine Vorlesung zur Bedeutung des 70. Jahrestags des Sieges. Dabei entwickelte der Minister in den Räumlichkeiten von „Russland Heute“ eine von Putin aufgezeigte Deutungslinie zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 weiter. Der Pakt stand am Beginn eines bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 währenden Bündnisses der Diktatoren. In einem geheimem Zusatzprotokoll wurde Osteuropa zwischen NS-Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt.

Anfang November vorigen Jahres rehabilitierte Putin die Übereinkunft, die er zuvor als „unmoralisch“ bezeichnet hatte, und deutete sie als friedenssichernde Maßnahme um. „Was ist schlecht daran, dass die Sowjetunion nicht kämpfen wollte?“, fragte Putin.

Großer Terror ungleich Nationalsozialismus

Medinskij stellte den Hitler-Stalin-Pakt nun als „Finte“ der sowjetischen Diplomatie dar, die „in letzter Sekunde“ verstanden habe, dass „die Engländer“ sich mit Hitler hätten einigen wollen, um Russland „aufzuteilen“. Der „kolossale Erfolg von Stalins Diplomatie“ habe „Millionen Leben gerettet“, behauptete Medinskij, denn wenn der Krieg nicht in den neuen Grenzen begonnen hätte, „wären die Deutschen nach einigen Tagen im Zentrum von Leningrad gewesen“.

Kein Wort verlor der Minister darüber, dass Stalin Warnungen vor der bevorstehenden Invasion in den Wind geschlagen hatte. Auch nicht darüber, dass er die Armee kurz zuvor im Großen Terror gleichsam enthauptet hatte und die sowjetischen Soldaten von den Deutschen überrannt wurden. Im Gegenteil lobte der Minister die „jungen Leute“ aus dem Generalstab und dass die Armee „schnell aus Fehlern gelernt“ habe.

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