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Nach dem Weltkriegsende : Flucht auf der Rattenlinie

Floh nach Argentinien: Erich Priebke wurde 1995 an Italien ausgeliefert; 1996 (unser Bild) wurde ihm in Rom der Prozess gemacht. Bild: AP

In den letzten Kriegstagen gelang Tausenden NS-Schergen die Flucht. Viele setzten sich nach Südamerika ab, wo diktatorische Regime sie mit offenen Armen empfingen. Dabei hatten sie Helfer, wo man sie nicht vermutet.

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          In den Wirren der letzten Kriegstage und nach der Kapitulation der Wehrmacht traten tausende NS-Schergen die Flucht an. Sie rafften zusammen, was sie gestohlen hatten, warfen ihre Pässe weg und tauchten unter in den Flüchtlingsströmen aus dem Osten und gen Süden. Hauptziele waren Ägypten und Syrien, Kanada und die Vereinigten Staaten, vor allem aber Südamerika: Adolf Eichmann, der die Verschleppung von vier Millionen Juden organisiert hatte, wurde 1960 in Argentinien vom israelischen Geheimdienst gefasst, der Lyoner Gestapo-Chef Klaus Barbie lebte unter falschem Namen in Bolivien, wo er 1983 festgenommen und an Frankreich ausgeliefert wurde. Josef Mengele wurde 1959 Staatsbürger Paraguays und starb 1979 an Herzversagen in Brasilien.

          Susanne Kusicke
          Redakteurin der Politik.

          Der ehemalige SS-Standartenführer Walther Rauff, der die Vergasungslastwagen erfunden und für den Tod von mindestens 97.000 Menschen mitverantwortlich war, floh erst nach Ecuador, dann nach Chile, wo er sowohl vom Sozialisten Allende als auch vom Diktator Pinochet unterstützt wurde und zeitweise für den BND Fidel Castro ausspionierte. Der österreichische ehemalige SS-Oberscharführer Gustav Wagner, im Konzentrationslager Sobibor verantwortlich für den Tod von mindestens 122.000 Menschen, wurde 1978 von Simon Wiesenthal in Sao Paulo aufgespürt, wohin er auch seine Familie nachgeholt hatte. Erich Priebke, der als SS-Führer unter anderem in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom am Massaker an 340 Zivilisten beteiligt war, wurde 1995 von Argentinien an Italien ausgeliefert.

          „Akte Odessa“ widerlegt

          Die Motive dieser Staaten, flüchtige NS-Verbrecher aufzunehmen, waren unterschiedlich: Sie waren Deutschland traditionell verbunden, wollten von technischem und geheimdienstlichem Wissen profitieren, suchten Unterstützung im Kalten Krieg gegen den Kommunismus. Doch wie waren die gesuchten, teils in Abwesenheit zum Tode verurteilten Täter überhaupt dorthin gekommen? Schon Simon Wiesenthal, der sich diese Frage 1947 erstmals stellte, vermutete, dass die Täter potente Helfer hatten. Seine Andeutungen, es gebe eine Verschwörung oder Geheimorganisation, verarbeitete Frederick Forsyth in seinem Roman „Die Akte Odessa“. „Odessa“ stand dabei für „Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen“.

          Die Verschwörungstheorie wurde in der historischen Forschung allerdings inzwischen widerlegt. „Die Wirklichkeit war komplizierter, das Netz der Fluchtwege war weit verzweigt, es gab kein straff organisiertes System von Fluchtorganisationen“, schrieb der Historiker Gerald Steinacher 2010 in seinem Buch „Nazis auf der Flucht“. Und die Wirklichkeit war, so muss man heute hinzusetzen, sogar weit erstaunlicher: Als einer der wichtigsten Fluchthelfer erwies sich neben Nazi-Sympathisanten, diversen Geheimdiensten und (oft unfreiwillig) dem Internationalen Roten Kreuz ausgerechnet die katholische Kirche.

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