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Merkel in Moskau : Überstehen ist alles

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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Wladimir Putin gedenken gemeinsam am Grabmal des Unbekannten Soldaten. Bild: AP

Der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Moskau ist eine Geste von Respekt gegenüber Russland. Doch das gemeinsame Gedenken mit Putin ist kein einfaches.

          Den 9. Mai beging Russland mit einer gewaltigen Siegesparade – ein anachronistisches Gedenkformat nationaler Beweihräucherung, gedacht für Veteranen und Angehörige, zur Traditionspflege der Streitkräfte, auch zur Beschwörung alter und neuer Verbündeter, dann zur Einschüchterung tatsächlicher oder potentieller Gegner. Der pompösen Waffenschau blieben viele Geladene aus Staaten der früheren Anti-Hitler-Koalition, aber auch aus einst niedergerungenen Staaten fern.

          Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine wie darauf, dass sich der ehemalige sowjetische Befreier beziehungsweise Verbündete für manche Länder des früheren Ostblocks zum russischen Bedroher beziehungsweise Besetzer gewandelt hat, war Putins Ehrentribüne, auf der Friedensnobelpreisträger Gorbatschow Platz nahm, nicht mehr so gefragt wie vor zehn Jahren. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, der wohl am 8. Mai im Bundestag hätte sprechen sollen, aber abgesagt hatte, waren jetzt die Prominentesten.

          Nach Putins Ansprache über den „grandiosen Sieg“, der Stalins Sowjetunion 27 Millionen Kriegstote gekostet hatte, zogen eine halbe Million Menschen mit Fotos von Angehörigen, die Kriegsteilnehmer gewesen waren, über den Roten Platz, allen voran Putin mit einem Foto seines Vaters in den Händen. Diesem eindrucksvollen Gedenkmarsch folgte am Sonntag das würdige Gedenken der Kanzlerin, die einen Kranz am Grabmal des Unbekannten Soldaten am Kreml niederlegte. „Dein Name ist unbekannt, Deine Heldentat ist unsterblich“, heißt es dort.

          Merkels Visite fügt sich ein in eine Reihe von wichtigen Gesten des Respekts, die Deutschland – von Bundespräsident Gaucks Rede im früheren Kriegsgefangenenlager Holte-Stukenbrock bis zu Außenminister Steinmeiers Teilnahme an einer Veranstaltung in Wolgograd/Stalingrad – den Rotarmisten zollt: trotz Stalin damals, trotz Putin heute. Bei allem Heldenkult, der den Deutschen nach verlorenen Weltkriegen und dem moralischen Ehrverlust während des Nationalsozialismus fremd ist, gilt nach wie vor jener Satz, mit dem Rainer Maria Rilke Leid und Schrecken von Generationen in Worte goss: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles!“

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