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Merkel in Moskau : Krieg und Erinnerung

Einfache Wünsche an einem erinnerungsschweren Tag: Bundeskanzlerin Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin am Sonntag am Grabmal des unbekannten Soldaten in Moskau Bild: AP

Die Bundeskanzlerin gedenkt gemeinsam mit dem russischen Präsidenten des Endes des Zweiten Weltkriegs. Ein berührender Moment der Einheit, der dennoch überlagert wird vom Ukraine-Konflikt.

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          Der Alexandergarten erstrahlt in frischem Grün. Blumen blühen, Vögel zwitschern. Doch als das Orchester einsetzt, ist es, als lege sich ein Schatten über den sonnigen Frühlingstag. Es spielt ein getragenes Stück des russischen Armeekomponisten Walerij Chalilow. Der Präsident und die Bundeskanzlerin schreiten auf das Grabmal des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer zu, ganz in Schwarz gekleidet. Vor ihnen werden die Gedenkkränze getragen. Der Soldat fiel an der Stelle, an der die Wehrmacht Moskau im Zweiten Weltkrieg am nächsten kam.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Als beide die Schärpen in ihren jeweiligen Landesfarben über die Rosen gelegt haben, verharren sie einen Moment mit gesenktem Kopf. Das Orchester spielt die Hymnen, erst die deutsche, dann die russische. Dann schreiten Wladimir Putin und Angela Merkel Seite an Seite die Reihe der „Heldenstädte“ der Sowjetunion ab, die besonders im Krieg litten. Es ist ein berührender Moment, ein Bild der Einheit angesichts des Grauens der Vergangenheit. Es ist ein kurzer Moment. Außer der Information, dass sie von Präsident respektive Kanzlerin kommen, steht auf den Schärpen kein Wort.

          Gemeinsame Verneigung von Merkel und Putin

          Wie sehr dieser gemeinsame Moment des Gedenkens an die Opfer des Krieges ein politischer Kompromiss ist, zeigt sich schon danach, als Merkel und Putin einige einleitende Worte sagen, bevor sie sich zum Gespräch im Kreml zurückziehen. „Wir verneigen uns vor den Opfern“, sagt Merkel. „Wir haben aus bitteren Erfahrungen gelernt, schwierige Situationen – und eine solche haben wir jetzt – mit friedlichen und diplomatischen Mitteln zu überwinden.“ Daher sei es „gut, dass wir die Möglichkeit haben, etwa auch über die territoriale Integrität der Ukraine zu sprechen“. Putin sagt, je schneller die „Probleme“ zwischen Deutschland und Russland „aufhören, die Beziehungen negativ zu beeinflussen, desto besser“. Dann beginnt der geschlossene Teil des Gesprächs. Er wird gut anderthalb Stunden dauern.

          Die „Probleme“ haben überhaupt zu dem Kompromiss geführt, der Merkel an diesem Sonntag nach Moskau geführt hat. Sie wollte die vielen Millionen Opfer des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion ehren, ohne der heutigen russischen Militärmacht angesichts des unerklärten Krieges gegen die Ukraine durch einen Besucht der Parade am Samstag Tribut zu zollen. Noch vor fünf Jahren war sie in Moskau gewesen – eine andere, scheinbar ferne Zeit. Nun, kurz vor ihrem Besuch, hatte die kremltreue Zeitung „Iswestija“ unter Berufung auf „Quellen“ über ein mögliches Treffen der Kanzlerin mit der Opposition gegen Putin berichtet. Es ist eine neue Volte der am Stalinismus geschulten „Verräter“-Diffamierung. Kurz darauf hing von einem Gebäude an einer großen Moskauer Straße ein Plakat mit den Köpfen von fünf Oppositionellen auf schwarz-rot-goldenem Grund mit Deutschland-Flaggen auf Wangen und Stirn. Die – anonym bleibenden – Macher sind dieselben, die vor einem Jahr Oppositionelle von einem Plakat als „Fremde unter uns“ wie Außerirdische porträtierten, unter ihnen den Ende Februar ermordeten Boris Nemzow. Dessen Kopf fehlt nun. Auch im Siegestaumel, der die russischen Gedenkfeierlichkeiten durchzog, wurde die Hasskarte gespielt.

          Ein Programmpunkt unter vielen

          Merkels Besuch in Moskau ist nur ein Punkt von vielen auf Putins Programm an diesem Wochenende. Unmittelbar vor ihrem Besuch hat er den zimbabwischen Langzeitherrscher Robert Mugabe getroffen. Einer von vielen Potentaten, die in Moskau zumindest für das Staatsfernsehen die Abwesenheit der alten Verbündeten und fast aller Staats- und Regierungschefs westlicher Länder gegen NS-Deutschland vergessen lassen. Der größte Trumpf ist der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping, dessen Besuch auch zur Unterzeichnung einer Reihe von Abkommen genutzt wurde. Am Samstag, bei der großen Militärparade auf dem Roten Platz, saß Xi dann mit seiner Frau rechts neben Putin vor dem Lenin-Mausoleum. In Putins Rede gab es eine Schweigeminute für die Opfer; die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa hatte den Präsidenten in einem offenen Brief dazu aufgefordert.

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