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KZ-Häftling Alexander Bergmann : Das Ende einer Höllenfahrt

Als der Trupp im Lager ankommt, sind die Wachen auf den Türmen verschwunden, die Tore stehen offen. Auf dem Antreteplatz steht eine Feldküche, an der SS-Leute für die frei umherlaufenden Häftlinge Suppe verteilen. „Das war nicht die öde Brühe, das waren Möhren in einer Bouillon mit Fettaugen“, erinnert sich Bergmann. Ein Geschmack, der für den Neunzehnjährigen nicht von dieser Welt ist. Doch als es dunkel wird, ändert sich die Szene abermals schlagartig. Das Tor wird geschlossen, auf den Wachtürmen ziehen wieder bewaffnete Posten auf. Für die Häftlinge ertönt der Befehl zum Abendappell. Dann baut sich der Rapportführer des Lagers vor den Häftlingen auf. Er hat wie die anderen die Rotkreuzbinde wieder abgenommen. Seine Stimme hat wieder den gewohnten Klang: Die Kämpfe um Magdeburg hätten begonnen. Das Lager könne von Artilleriegeschossen getroffen werden. Man werde alles tun, um Opfer unter den Häftlingen zu vermeiden. Deshalb würden alle Insassen morgen an einen sicheren Ort gebracht.

KZ-Überlebender Bergmann : „Der Holocaust kann sich wiederholen“

„Ich war alarmiert“, sagt Bergmann, und seine Augen verengen sich. „Ich kannte diese Ankündigungen zur Genüge.“ Er erzählt vom 30. November 1941, dem Tag, als die Deutschen mit der Vernichtung der Einwohner des Rigaer Gettos beginnen, in das auch seine Familie gezwungen wurde. Damals heißt es, alle Frauen, Kinder und arbeitsunfähigen Männer würden in ein anderes Lager überführt. Stattdessen wartet auf die Menschen ein Marsch bei minus 30 Grad in das wenige Kilometer östlich des Gettos gelegene Wäldchen Rumbula. Am 30. November und 8. Dezember erschießen dort die SS und ihre lettischen Hilfstrupps in dafür ausgehobenen Gruben etwa 27 500 Juden. Unter ihnen sind auch Bergmanns Mutter und sein 13 Jahre alter Bruder Danja. Später ermorden sie auch seinen Vater. Die Lügen der SS-Leute, das hat Bergmann in den vier Jahren im Getto und in mehreren Konzentrationslagern brutal erfahren müssen, dienen nur einem Zweck: Panik unter den Häftlingen zu vermeiden, die Tötungsmaschinerie störungsfrei zu halten.

„Ich sah für mich nur eine Möglichkeit“, sagt Bergmann, „ich musste ein Versteck im Lager finden.“ Die Baracke, in der Bergmann zusammen mit den anderen Häftlingen die Nächte verbringt, bietet keinen Schutz. Aber es gelingt Bergmann, ungesehen in den Luftschutzbunker zu schleichen. Dort stinkt es nach Fusel. Nur ein paar Meter vor ihm auf einem Eisengestell liegt ein sinnlos betrunkener SS-Mann. Der junge Lette überlegt einen Augenblick. Dann kriecht er unter das Gestell und wartet. „Ich hoffte inständig, dass eine solche Unverschämtheit eines Häftlings außerhalb der Vorstellungskraft meiner Bewacher lag“, sagt Bergmann. Die Stunden kriechen dahin. Während der SS-Mann seinen Rausch ausschläft, kämpft Bergmann auf dem Zementboden gegen sich selbst. Die Blase drückt, er ist schwach vor Hunger. Dann, gegen Morgen, wird es laut. Taschenlampenblitze zucken durch den Bunker. Ein Suchtrupp mit Hunden kommen heran. Von seinen Bewachern trennt ihn nur eine schmale Decke, die vom Bettgestell herunterhängt. Die Zeit wird für Bergmann zur Ewigkeit. Doch die Hunde schlagen nicht an. Die SS-Leute verlassen den Raum. Als der Betrunkene aufwacht und aus dem Bunker taumelt, fällt die Anspannung von Bergmann ab. Wenig später verlässt auch er den Schutzraum. Nach 26 Stunden.

„Ich dachte, nun sei alles ganz einfach“

Als er ins Freie tritt, ist es dunkel. Die Türen der Baracken schlagen im Wind. Das Lager ist leer. „Ich dachte, nun sei alles ganz einfach“, erinnert sich Bergmann. „Für die Deutschen konnte es vor Ankunft der Amerikaner doch nichts Besseres geben als einen Juden, den sie aufgenommen haben. Aber ich täuschte mich.“ Wo Bergmann auch klopft, niemand öffnet die Tür. Stattdessen drohen die Leute damit, die Polizei zu rufen. Bergmann sieht nur einen Ausweg. Er wählt den einzigen Weg, den er kennt: zurück ins Stadtzentrum. Dort steigt er in den vierten Stock eines ausgebombten Hauses, legt sich auf den Fußboden und fällt in einen tiefen Schlaf. Die erste Nacht in Freiheit.

In den kommenden Tagen schlägt sich Bergmann unter falscher Identität in Richtung Osten durch. Auf dem Weg trifft er auf weitere Mithäftlinge aus dem Lager, darunter auch seinen Bruder Mika. Dann wird er von der Sowjetarmee aufgegriffen und zum Zwangsdienst verpflichtet. Erst Monate später, im September 1945, kehrt er zurück nach Riga. Dort lebt er bis heute.

„Ich habe in den Jahrzehnten danach bis zum Tode meiner Frau ein gutes Leben gehabt“, sagt Bergmann zum Abschied. „Aber der Schmerz über die Ermordung meiner Familie lässt mich nicht los.“ Bergmann weiß nicht, wer seinen Vater, seine Mutter und seinen kleinen Bruder erschossen hat. Die Täter haben bis heute keine Namen.

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