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Kommentar : Der Krieg im Osten

Vorbereitungen zur Gedenkfeier: Russische Soldaten üben bei der Generalprobe ihren Marsch über den Roten Platz. Am 9. Mai feiern die ehemaligen Sowjetrepubliken den Sieg über Hitlerdeutschland. Bild: AP

Russland war Opfer der Taten Hitlers und Stalins. Anstatt vor diesem geschichtlichen Hintergrund zu verbinden, spielt Putin das eine gegen das andere aus.

          Die Russen und ihre Nachbarn haben schlimme geschichtliche Erfahrungen gemeinsam: Sie waren Opfer Hitlers wie Stalins. Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten richtete sich gegen Polen, Ukrainer, Weißrussen und Russen; der Terror der Sowjetmacht traf alle Völker in ihrem Einflussbereich. Doch ein gemeinsames Verständnis dieser Vergangenheit ist aus dem geteilten Leiden nicht erwachsen – im Gegenteil: Die Geschichte des 20. Jahrhunderts lastet schwer auf der Gegenwart Osteuropas. Das ist nicht erst so, seit der Zweite Weltkrieg in der russischen Propaganda zur Rechtfertigung des Kriegs in der Ukraine dient.

          Es griffe zu kurz, gäbe man die Schuld daran nur dem russischen Präsidenten Putin und seinen Propagandisten. Weil die Sowjetunion trotz ihrer internationalistischen Ideologie stets als russischer Staat wahrgenommen wurde, wiegt die Last der sowjetischen Geschichte für die Russen schwerer als für die anderen einstigen „Sowjetvölker“. Das Paradox, dass Stalin heute in den Augen vieler Russen eine positive historische Gestalt ist, obwohl er unzählige Russen ermorden ließ, ist das Ergebnis geschichtlicher Brüche, die in den individuellen Geschichten vieler russischer Familien tiefe Spuren hinterlassen haben.

          Der Terror der dreißiger Jahre traf zwar alle Völker der Sowjetunion, doch er ging damit einher, dass Stalin Elemente eines großrussischen Nationalismus in die kommunistische Ideologie integrierte. In den nichtrussischen Sowjetrepubliken, etwa in der Ukraine, wurde die gerade erst neu entstandene nationale kulturelle und intellektuelle Elite gezielt ausgelöscht. Heute erleichtert das den Umgang mit dem Schrecken, denn man kann sich als kollektives Opfer sehen und Moskau die Schuld zuschieben. Das hilft dabei, ein Phänomen in den Hintergrund zu drängen, das überall für den Stalinismus kennzeichnend war: In einem System, das auf der Erhebung der Denunziation zur Bürgerpflicht beruhte, gehörten Täter und Opfer oft zur selben Familie, ja waren viele sogar beides in einer Person.

          Scheu vor der Geschichte

          Wer sich in Russland an die Aufarbeitung des Stalinismus machen will, der hat eine nationale Entlastungsstrategie nicht zur Verfügung und stößt deshalb schnell an diesen schmerzhaften Punkt vor, an dem Familien noch Generationen später zerbrechen können. Die Scheu ist verständlich, sich dieser Geschichte zu stellen; doch zeigen die Erfahrungen, die „Memorial“ – die einzige Organisation in Russland, die sich um eine systematische Dokumentation der Verbrechen Stalins bemüht – mit Opfern und ihren Nachfahren macht, dass dies der Weg zur Versöhnung Russlands mit sich selbst wäre.

          Ein Stoff für ein massentaugliches historisches Narrativ zur Selbstvergewisserung einer Nation ist das aber nicht. Er findet sich dafür im „Großen Vaterländischen Krieg“ als der Erzählung von heroischer Gegenwehr gegen einen gnadenlosen Aggressor. Die Brutalität des deutschen Vernichtungsfeldzugs ließ Russen (wie auch Ukrainern und Weißrussen) kaum eine andere Wahl, als für Stalin zu kämpfen, ganz gleich, ob sie ihn hassten oder verehrten. Der Sieg über die Deutschen einte das Volk tatsächlich. Über den Zerfall der Sowjetunion hinaus (für die er die einzige echte Quelle der Legitimität war) wurde er zu einer Klammer, welche die äußerst widersprüchliche russische Gesellschaft zusammenhält.

          Jede russische Regierung muss dem „Tag des Sieges“ am 9. Mai und der Erinnerung an den Krieg deshalb hohe Bedeutung beimessen. Auch erwarten die Russen zu Recht, dass Europa, und vor allem Deutschland, ihrer Opfer ehrend gedenkt und den Beitrag der Roten Armee zur Niederringung des Nationalsozialismus würdigt, so wie es Bundespräsident Gauck getan hat.

          Diffamierung statt Verbindung

          Die Wunden, die der Terror Hitlers und Stalins geschlagen hat, sind so tief, dass sie nur langsam heilen können. Ein solcher Prozess ist immer auch schmerzhaft, wie die Geschichte der Aussöhnung Deutschlands mit seinen Nachbarn zeigt. Die offene Auseinandersetzung mit der Geschichte hat dazu geführt, dass Deutschland heute mit allen Nachbarn gute Beziehungen hat – was angesichts der zwischen 1939 und 1945 von Deutschen verübten Verbrechen auch nach 70 Jahren fast ein Wunder ist. Im Osten Europas hingegen vertiefen sich die Gegensätze zwischen Russland und seinen Nachbarn, die einst alle Opfer der Nationalsozialisten waren, weil Putin die Vergangenheit für seine aggressive Politik instrumentalisiert.

          Anstatt das Verbindende der historischen Erfahrungen zu betonen, diffamiert Moskau jene, die an die dunklen Seiten der sowjetischen Kriegsführung erinnern, etwa die Deportation ganzer Völker wegen vorgeblicher Kollaboration. Balten und Polen, die in der Ausdehnung von Stalins Herrschaft über ganz Mittel- und Osteuropa keine Befreiung sehen können, wird vorgeworfen, Sympathisanten des Faschismus zu sein. Die propagandistische Gleichsetzung des Kampfs der prorussischen Separatisten in der Ostukraine mit dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung ist der bisherige Höhepunkt dieses zynischen Umgangs mit der Geschichte. Aus ihm spricht Verachtung für alle Opfer der totalitären Gewalt, auch für die russischen – und er schafft neue, für ganz Europa gefährliche Konflikte.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

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