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70 Jahre Kriegsende : Tito überdeckt alles

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Der spätere jugoslawische Staatsführer Josip Brodz Tito kämpfte als Partisan gegen die deutschen Besatzungstruppen. Bild: Picture-Alliance

Im ehemaligen Jugoslawien ist das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges überlagert von einem Toten: Josip Brodz Tito. Die Linke will mit dem Andenken an den Partisanenführer ihr Deutungsmonopol über die blutige Vergangenheit verteidigen.

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          Das Beispiel Syriza macht Schule: Jetzt fordern slowenische Linke und Tito-Veteranen 3,5 Milliarden Euro an Reparationszahlungen von Deutschland. Die Regierung möge diese Frage „endlich lösen“, appellierte die Vereinigung der Veteranen des Zweiten Weltkrieges an Ministerpräsident Miro Cerar. Zwar einigten sich Willy Brandt und Josip Broz Tito darüber schon 1973, als Deutschland durch die Gewährung günstiger Kredite den drohenden Bankrott des sozialistischen Jugoslawien zu verhindern half, und seit dem EU-Beitritt 2004 hat Slowenien diese Frage nicht mehr zur Sprache gebracht.  Aber im Vorfeld des 70. Jahrestags des Kriegsendes kehrten die alten Gespenster zurück. Kroatien und Slowenien gehören zu den Ländern, in denen die Vergangenheit partout nicht vergehen will.

          Der am 4. Mai 1980 verstorbene Tito ist wieder allgegenwärtig, denn die kroatische und die slowenische Linke nützen den Jahrestag des Kriegsendes, um ihr erodierendes Deutungsmonopol der Geschichte zu verteidigen. Wieder einmal wird die Legende der Befreiung Jugoslawiens durch die Partisanen aufgetischt, werden die Absprachen zwischen Tito und den deutschen Besatzern verschwiegen und die Verbrechen der Partisanen geleugnet oder relativiert.

          Keinem anderen kommunistischen Diktator gelang es, seine blutige Weste so weißzuwaschen wie Tito. Als er 1974 Bonn besuchte, überboten einander auch deutsche Intellektuelle und Politiker mit ihren Huldigungen. „Tito führt Jugoslawien einer wirklichen demokratischen sozialistischen Ordnung entgegen“, jubelte Günter Grass. Karsten Voigt träumte sogar von „einer sozialistischen Bundesrepublik in einem sozialistischen Westeuropa, etwa nach jugoslawischen Vorbildern“.

          Generaloberst Weichs nimmt 1941 in Belgrad die Kapitulation Serbiens entgegen. Bilderstrecke

          Der Tito-Mythos hat das blutige Ende Jugoslawiens überlebt. Groß war die Empörung, als die neue kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović die Tito-Büste aus der Empfangshalle der Präsidenten-Residenz in Zagreb entfernen ließ. Weder der nationalistische Staatsgründer Franjo Tudjman, noch seine linken Nachfolger Stjepan Mesić und Ivo Josipović hatten daran Anstoß genommen. Sie lehne es ab, sagte Grabar-Kitarović, den Diktator Tito mit dem kroatischen Antifaschismus zu identifizieren. Dies sei ein schlechtes politisches Signal, kritisierte Josipović.

          Die Geschichte zeige, sagte er vor einer Versammlung der Antifaschistischen Liga, „dass die faschistischen Ideen periodisch und beharrlich wiederkehren, und zwar an Orten, wo wir es nicht erwartet hätten.“ Der sozialdemokratische Ministerpräsident Zoran Milanović warf der Präsidentin vor, durch die Entfernung der Tito-Büste die Geschichte zu „manipulieren.“

          Grabar-Kitarović lässt sich von solchen Vorhaltungen nicht beeindrucken. Sie will den Jahrestag des Kriegsendes nutzen, um allen Opfern des Weltkrieges und des jugoslawischen Bürgerkriegs, der in seinem Schatten tobte, ihren Respekt zu erweisen. Sie besuchte das Gelände des ehemaligen kroatischen Konzentrationslager Jasenovac, in dem Tausende Juden und Serben ermordet wurden.

          Die offizielle Siegesfeier am 9. Mai in Zagreb findet unter ihrem Ehrenschutz statt, und am 16. Mai reist sie nach Bleiburg in Kärnten, wo jener Kroaten gedacht wird, die von den britischen Besatzungsbehörden den jugoslawischen Partisanen zur Liquidierung ausgeliefert wurden. Es sei an der Zeit, meint die Präsidentin, mit der politischen Instrumentalisierung von Jasenovac und Bleiburg zu brechen.

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