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Gedenken an das Kriegsende : Ohne Schuld, aber mit Verantwortung

  • -Aktualisiert am

Am 7. Mai 1965 wandte sich der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard an die Deutsche – am 8. Mai 2015 wird der Historiker Heinrich August Winkler die Rede im Bundestag halten. Bild: Picture-Alliance

Noch 70 Jahre nach Kriegsende ist der 8. Mai für Schüler ein bedeutender Tag – vor allem für die aus Einwandererfamilien. Ein Besuch in einem Geschichts-Leistungskurs, der sich mit dem Gedenken beschäftigt.

          „Der 8. Mai 1945 ist Teil meiner deutschen Identität, die geprägt ist von Bildung und Demokratie.“ Das ist nicht die bestellte Antwort eines Jugendlichen, sondern die Auskunft eines jungen Kurden, der den Geschichts-Leistungskurs des Max-Planck-Gymnasiums in Göttingen besucht. Er ist in Deutschland geboren, hat die deutsche Staatsbürgerschaft, seine Eltern sind erst 1996 nach Deutschland gekommen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Sein Deutsch ist akzentfrei, obwohl er mit ihnen noch immer Kurdisch spricht. Für seinen Traum vom Medizinstudium will er die Deutschkenntnisse weiter perfektionieren. Eine junge Türkin mit Kopftuch sitzt hinter ihm. Sie ist schweigsamer, identifiziert sich aber genauso mit deutscher Nachkriegsgeschichte, obwohl ihre eigenen Eltern und Großeltern nicht daran beteiligt waren.

          Viele der aufstrebenden Kinder aus Einwandererfamilien haben das Max-Planck-Gymnasium bewusst ausgewählt, weil die Schule mit ihrem eindrucksvollen klassizistischen Treppenhaus und den hohen Fenstern, die den Schülern den ablenkenden Blick nach außen verwehren, ihnen Zugehörigkeit zu vermitteln verspricht. Auf den Gängen zeigt der Rektor auf die historischen Fußböden, in der ersten Etage mit eingelegten lateinischen Sinnsprüchen wie „Sapere aude“ und im Erdgeschoss mit deutschen Weisheiten wie „Ohne Fleiß kein Preis“.

          Flucht und Vertreibung mit Ludwig Erhard

          Der aufkeimende Rechtsradikalismus mit seinen antisemitischen Fratzen hat auch die 21 Jugendlichen des Geschichts-Leistungskurses der 11. Jahrgangsstufe in Göttingen alarmiert. Auch wenn sie sich nicht im direkten Sinne „schuldig“ fühlen, halten sie sich für verantwortlich, gegen antisemitische Tendenzen und jede Form des Rassismus einzuschreiten. An diesem Montagmorgen hat die Lehrerin, die gleichzeitig Fachobfrau für das Fach Geschichte ist, einen erinnerungsgeschichtlichen Zugang zum 8. Mai gewählt.

          Die historischen Vorgänge selbst sind den Schülern gegenwärtig, sie haben sie im Rahmen des chronologischen Durchgangs durch die Geschichte in den ersten Gymnasialjahren kennengelernt. In der Oberstufe ist auch in niedersächsischen Gymnasien ein themenorientierter Zugriff vorgesehen.

          Im Rahmen des Themas „Flucht und Vertreibung“ beginnt die Doppelstunde mit der gemeinsamen Lektüre einer Rede Ludwig Erhards vom 7. Mai 1965 zum 20. Jahrestag des Kriegsendes. Wer etwas zu Erhard sagen könne, fragt die Lehrerin als Erstes. Der junge Kurde meldet sich sofort und weiß, dass es sich um den zweiten deutschen Bundeskanzler handelt. Erhard habe die aufstrebende Bundesrepublik verkörpert, ergänzt sein Nachbar.

          Nicht der Holocaust aber die Trennung Deutschlands

          Während einzelne Schüler abschnittsweise vorlesen, sollen sich alle anderen die wichtigsten Argumente der Rede markieren. Die komplexe Aufgabe, einen fremden Text, dessen Wortschatz nicht unbedingt zum aktiven Sprachrepertoire jedes Oberstufenschülers gehört, überzeugend vorzutragen, gelingt nicht allen. Aber das laute Vorlesen üben die Schüler auch nicht, und es steht in merkwürdigem Gegensatz zur eindrucksvollen rhetorischen Versiertheit der meisten Gymnasiasten im Raum.

          Mit ihrem Nachbarn sollen die Schüler daraufhin kurz über die zentrale Haltung Erhards nachdenken, und sie nennen treffsicher die entscheidenden Aussagen: die auf die Zukunft gerichtete, zuversichtliche Färbung, die Dankbarkeit gegenüber den Siegermächten, den latenten Stolz auf ein Volk, das 1945 „geschlagen und gedemütigt“ am Boden lag und den Weg der Erneuerung aus einem tiefen „Tal der Not und Demütigung“ genommen hat, um eine neue „wirtschaftliche und soziale Ordnung“ zu errichten.

          Erhard rede zu einem Volk, dessen Erinnerung an die bedingungslose Kapitulation noch sehr gegenwärtig sei und das alles miterlebt habe, sagt einer der Schüler. Der Holocaust selbst werde nicht angesprochen, bemerkt eine andere, wohl aber die Teilung Deutschlands, deren unmittelbares Erleben noch frisch war.

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