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Autorin Sabine Bode : „Kinder spüren alles“

Sabine Bode: Ein Traum hat eigentlich immer ähnliche Folgen Bild: dpa

Noch heute leiden viele Menschen psychisch unter den Folgen des Krieges. Die Autorin Sabine Bode spricht über die Generation der Kriegskinder und -enkel.

          Frau Bode, was verbindet die Generation der Kriegskinder?

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Ein Drittel bis die Hälfte der Personen, die die damalige Zeit erlebt haben, hat vermutlich Schlimmes durchgemacht und sich nicht davon erholt. Acht bis zehn Prozent haben, wie Studien sagen, eine posttraumatische Störung. Ein weiteres Viertel ist immer noch erkennbar belastet. Oft kann man damit ein erfolgreiches Leben führen, ein guter Arzt sein, ein guter Handwerker, vielleicht eine nicht so gute Lehrerin. Aber man hat seltsame Verhaltensweisen, ist zum Beispiel schnell einzuschüchtern oder hat Panikattacken. Oft merken die Betroffenen erst im Alter, dass dies eine Kriegsfolge ist.

          Warum bricht das bei vielen erst im Alter durch?

          Kinder sind Meister in der Selbstberuhigung. Es ist eine Art Selbstbetäubung, oft lebenslang haltbar. Erst im hohen Alter fällt das Verdrängen dann schwerer. Sie wussten zwar immer, dass sie während des Kriegs im Keller saßen, aber sie hatten nicht die entsprechenden Gefühle dazu. Das ist auch ein guter Selbstschutz.

          Wie löst sich der Selbstschutz auf?

          Meistens gibt es einen Verlust. Der Partner stirbt, oder die Kinder gehen ins Ausland, oder man wird krank. Dadurch kann das alte Trauma reaktiviert werden. Das kann auch der Grund sein für eine Altersdepression.

          Sollten sich diese Personen dann professionelle Hilfe holen?

          Eine Depression ist behandlungsbedürftig. Leider gibt es bisher nicht viele Psychotherapeuten, die ältere Menschen wegen eines Kindheitstraumas behandeln. Es gehört aber auch nicht zur Kultur derjenigen, die in den dreißiger Jahren geboren wurden, sich Hilfe beim Psychotherapeuten zu holen.

          Hat diese Generation andererseits auch besondere Fähigkeiten entwickelt?

          Man war schnell kein Kind mehr und wurde ernst genommen, wenn man dazu beigetragen hat, dass die Familie funktioniert oder sogar überlebt. Das kann sehr gut für den Selbstwert sein. Aber es kann dann wiederum sein, dass diese Eltern ihre eigenen Kinder überfordern.

          Die nächste Generation, die Kriegsenkel, erben also auch etwas von dem Trauma ihrer Eltern, obwohl sie den Krieg selbst nicht erlebt haben?

          Kinder spüren alles, wenn zum Beispiel die Mutter ein Kindheitstrauma hat und nicht stabil ist. Diese Mütter können ihre Kinder oft nicht trösten, sie können ein schreiendes Baby nicht beruhigen, weil es sie selbst völlig verstört. Sie versorgen ihre Kinder sehr gut und umsichtig, aber sie haben ein Problem damit, gleichzeitig offen und herzlich zu sein – Sie wirken etwas unlebendig. Auf der anderen Seite haben die Kinder häufig ein Problem damit, sich von ihren Eltern abzunabeln. Sie glauben, ständig für ihre Eltern sorgen zu müssen, damit es ihnen auch gut geht.

          Viele der Kriegskinder sind Vertriebene. Gibt es da Parallelen zu der Debatte über Flüchtlinge heute?

          Trauma ist Trauma, und es hat eigentlich immer ähnliche Folgen. Die Kinder des Balkans oder die Kinder Syriens sind nicht anders als die aus Deutschland vor 70 Jahren. Deswegen ist es so wichtig, dass die Flüchtlinge ein klares Signal des Willkommens bekommen. Dann können sie sich viel schneller erholen.

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