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70 Jahre Hiroshima : Die Hölle auf Erden

  • -Aktualisiert am

Öd und leer: Ein Bild der japanischen Stadt Hiroshima nach dem Abwurf der Atombombe. Bild: AFP

Siebzig Jahre nach den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki erinnern sich Überlebende an das Grauen des 6. August 1945. Die Mehrheit der Amerikaner hält den Abwurf jedoch weiter für gerechtfertigt.

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          Sunao Tsuboi hatte gerade sein Frühstück beendet. „Das war gut, ich komme zum Mittagessen wieder“, rief der zwanzig Jahre alte Student der freundlichen Kellnerin in der Cafeteria zu. Dann machte er sich auf den Weg zur technischen Hochschule. Zu dem Wiedersehen mit der schönen Kellnerin kam es nicht mehr.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Wenige Minuten später warf der amerikanische Bomber „Enola Gay“ die erste in einem Krieg eingesetzte Atombombe über Hiroshima ab. Um 8.15 Uhr am 6. August vor siebzig Jahren explodierte die Bombe und zerstörte die Cafeteria und den Großteil der Stadt. Rund 140 000 Tote werden für Hiroshima geschätzt, davon etwa die Hälfte gleich am ersten Tag.

          „Den Blitz der Explosion habe ich nie vergessen“, sagt der heute 90 Jahre alte Tsuboi in Hiroshima. Etwa 1,2 Kilometer war er von dem Hypozentrum der Bombe entfernt. Die Druckwelle schleuderte ihn über die Straße und ließ ihn ohnmächtig werden. Später machte er sich blutüberströmt, ohne Gehör, die verbrannte Haut in Fetzen, auf den Weg nach Süden, weg vom um sich greifenden Feuer. Der Fluss war überfüllt mit Sterbenden und Leichen von Menschen und Tieren. Menschen wichen vor ihm zurück. Er sehe wie ein Gespenst aus, sagte ihm eine Verwandte später.

          Tsuboi spricht nur zögerlich über all das Grauen, das er gesehen hat. Eine etwa 50 Jahre alte Frau, die er aus den Trümmern eines Hauses nicht befreien konnte und dem Feuersturm überlassen musste. Eine Frau um die 30, die die Straße entlang kroch und in ihren Händen ihre Gedärme hielt. Die Häuser verschwunden, überall Tote. Ein Körper ohne Beine, mit nur einem Arm, an dem man nicht sah, wo Gesicht oder Hals war. „Ich dachte: Ist das ein menschliches Wesen?“, sagt Tsuboi.

          In Hiroshima-Stadt wohnen 60.000 Überlebende

          Eine der ganz seltenen Fotografien von diesem Tag zeigt ihn am späten Vormittag nahe der Miyuki-Brücke in Hiroshima. Von dort fand er den Weg aus dem Schrecken und wurde von einem Rettungswagen der Armee gerettet. Ein junges Mädchen schickten die Soldaten weg, sie interessierten sich allein für junge Männer, die später noch in den Krieg ziehen konnten. „So ist das in einer militaristischen Gesellschaft“, sagt Tsuboi. „Weinend ging das Mädchen in Richtung Feuer. Ich konnte nichts tun. Bis ich sterbe, wird mich dieser Schmerz nicht verlassen.“

          Tsuboi ist Vorsitzender der Vereinigung der Überlebenden der Atombombe in Hiroshima. Die Zahl der Hibakusha, wie sie genannt werden, wird immer kleiner. Landesweit werden noch 184.000 Überlebende gezählt, ihr Durchschnittsalter liegt bei über 80 Jahren. In Hiroshima-Stadt wohnen 60.000 Überlebende. „Die Erinnerungen werden schnell verblassen, wir müssen sehr dringend etwas tun“, sagt Bürgermeister Kazumi Matsui.

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          Neben herkömmlichen Videoaufzeichnungen müht die Stadt sich auf ungewöhnliche Weise, die Erinnerung lebendig zu halten. Ehrenamtliche „Nachfolger“ sollen in Zukunft die Stelle der Hibakusha einnehmen und der Welt von den Schrecken der Atombombe berichten. 50 Nachfolger hat Hiroshima seit 2012 schon in einem drei Jahre dauernden Programm ausgebildet, 210 sind in der Schulung. Die Dachorganisation der Hibakusha hat ein analoges Schulungsprogramm begonnen. „Geschichtsbücher können über die Schäden berichten, aber wenn es um die echten Gefühle geht, ist das nicht genug“, sagt Minako Omatsu. Die 43 Jahre alte Hausfrau, eine Zugezogene in Hiroshima, lässt sich zur Nachfolgerin schulen. Zweimal im Monat trifft sie einen Überlebenden, der über sein Leben berichtet.

          Die Hibakusha werden regelmäßig gesundheitlich untersucht, ihnen stehen erst seit 1957 lebenslang Gesundheitsleistungen zu, wobei viele auch danach ihre Ansprüche noch einklagen mussten. Viele der Überlebenden sind krank. „Wir waren geschockt, als die Spätfolgen der Strahlung zum Vorschein kamen“, sagt die 78 Jahre alte Keiko Ogura. „Wir dachten, es sei vorbei. Aber auch nach zehn oder zwanzig Jahre starben die Menschen noch und litten unter der Strahlenkrankheit.“ Ogura überlebte den Atombombenabwurf in Hiroshima und arbeitet als Übersetzerin am Peace Memorial Museum.

          600 bis 700 Menschen mehr an Krebs gestorben

          „Die Strahlung war augenblicklich, aber das Krankheitsrisiko bleibt das ganze Leben bestehen“, sagt Noburu Takamura. „Die Hibakusha sind über 70 Jahre alt, aber das Krebsrisiko steigt immer noch.“ Takamura ist Professor am Institut für die Erforschung der Atombombenkrankheit an der Universität Nagasaki. Das Institut führt seit den fünfziger Jahren eine Langzeitstudie der Überlebenden durch. Von den 70 000 Untersuchten seien als Folge der Atombombenabwürfe 600 bis 700 Menschen mehr an Krebs gestorben als ohne die Bomben, sagt Takamura.

          Ogura war acht Jahre alt, als die Bombe fiel. Sie überlebte 2,4 Kilometer vom Nullpunkt entfernt, weil ihr Vater sie an diesem Tag aus einer Vorahnung heraus nicht zur Schule gehen ließ. Mit Schrecken berichtet sie, wie eine lange Prozession von Verletzten und Sterbenden an ihrem Elternhaus vorbeizog, um bei einem Schrein in der Nähe Hilfe zu suchen. „Wasser, Wasser“, schrien die Verletzten auf dem Schreingelände und krallten sich an den Beinen des kleinen Mädchens fest.

          Die auch im hohen Alter noch resolute Überlebende ist eine vehemente Pazifistin und Friedensaktivistin, wie sie sich unter den Überlebenden oft finden. Kräftig schimpft sie auf Ministerpräsident Shinzo Abe, der durch eine Uminterpretation der Verfassung Japans Militär auch international einsetzen möchte. Bewegt berichtet sie über die Diskriminierungen, die den Hibakusha im Beruf und im Privatleben entgegenschlugen und wohl auch noch -schlagen. „Meine Tochter konnte nicht heiraten, weil der Mann erfuhr, dass ihre Mutter eine Hibakusha ist“, sagt Ogura. Die Angst vieler Japaner, dass die Strahlenkrankheit sich vererbt, ist indes unbegründet. „Es gibt für Diskriminierungen der zweiten Generation keine wissenschaftliche Basis“, sagt Takamura von der Nagasaki-Universität. „Zwischen Kindern von Hibakusha und von anderen Japanern gibt es keine Unterschiede in der Häufigkeit, an Krebs oder anderen Strahlenkrankheiten zu erkranken.“

          Yoshitoshi Fukahori (86), Überlebender des Atombombenabwurfs auf Nagasaki, erzählt von seinen Erfahrungen.

          Man kann Hiroshima und Nagasaki nicht besuchen, ohne immer wieder die Botschaft einer nuklearwaffenfreien Welt eingeimpft zu bekommen. Beide Städte und ihre Bürgermeister haben sich dieses Bemühen zur Aufgabe gemacht, ebenso wie die Lobbygruppen der Überlebenden. „Nagasaki hat die Verantwortung, gegen die Regierungen aufzustehen“, sagt Yuka Arakura, eine Medizinstudentin. Nur Nagasaki und Hiroshima könnten glaubwürdig darlegen, welche Lehren aus der Geschichte zu ziehen seien. Die 30 Jahre alte Arakura ist Mitglied der Nagasaki Youth Delegation. Sie hat sechs Monate Friedenserziehung hinter sich, in der sie alles über Nuklearwaffen lernte. Die Jugendlichen der Delegation reisen zu internationalen Abrüstungskonferenzen, um dort für Frieden zu werben.

          Amerikaner bestimmten, wie der Atombombenabwurf dargestellt wurde

          Yoshitoshi Fukahori aus Nagasaki hat seinen Weg gefunden, um der Nachwelt von den Schrecken zu berichten. Schon seit 1978 sammelt er zusammen mit anderen Fotos von der Katastrophe. Rund 6000 Bilder haben sie zusammengetragen. Erst im Frühjahr war Fukahori wieder im Nationalarchiv in den Vereinigten Staaten, um nach Fotos und Filmen zu suchen. Die meisten Bilder der Tage und Wochen nach der Katastrophe stammen von Amerikanern. Weniger als zwei Dutzend Japaner machten Fotos. Diese Bilder seien konfisziert und von den Amerikanern erst nach 20 Jahren zurückgegeben worden, sagt Fukahori. Die Amerikaner wollten bestimmen, wie der Atombombenabwurf dargestellt wird.

          Mahner: Der Hiroshima-Überlebende Sunao Tsuboi

          Fukahori war 16 Jahre alt, als am 9. August 1945 um 11.02 Uhr die zweite und bislang letzte Atombombe der Kriegsgeschichte auf seine Heimatstadt niederging. Japan hatte nach der Bombe auf Hiroshima nicht kapituliert, und die Amerikaner beschlossen den zweiten Abwurf. Nagasaki war Opfer des schlechten Wetters. Das primäre Ziel, die Stadt Kokura, war durch Wolken nicht zu sehen. Fukahori arbeitete als Helfer in einem Büro der Präfektur, etwa 3,5 Kilometer vom Hypozentrum entfernt. Von der Familie kam wie durch ein Wunder nur die 18 Jahre alte Schwester Chizuko um. Rund 74 000 Menschen in Nagasaki starben, etwa die gleiche Zahl wurde verletzt.

          Im Atombombenmuseum steht Fukahori vor den Überresten der Urakami-Kathedrale St. Maria, Zentrum der ältesten katholischen Gemeinde in Japan, die der Bombe zum Opfer fiel. Noch während des Kriegs sei er wegen seines katholischen Glaubens diskriminiert worden, berichtet er. Das änderte sich nach Kriegsende, sagt Fukahori. „Japan wandelte sich von Nationalismus und Militarismus zur Demokratie. Das Denken wurde frei.“

          56 Prozent der Amerikaner halten Abwurf für gerechtfertigt

          Wie in Hiroshima widmet das Museum in Nagasaki nur wenig Raum der Vorgeschichte und der japanischen Aggression, die dem Krieg vorherging. Der Besucher wird unvermittelt in die Katastrophe hineingeführt. Die Leiden anderer Völker werden eher am Rande abgehandelt. „Die Menschen anderer asiatischer Nationen wurden gleichfalls in den Konflikt hineingezogen und in unterschiedlicher Weise zu Opfern gemacht“, heißt es. Die kursorische Feststellung spiegelt die eigene Opferrolle, in der Japan sich mit Blick auf die Atombomben noch heute sieht.

          Keiko Ogura in Hiroshima.

          Amerikaner glauben, dass mit den Atombomben der Krieg im Pazifik schnell beendet wurde. Japaner sehen mit großer Mehrheit nur Unrecht. Direkt nach Kriegsende hielten 85 Prozent der Amerikaner, heute immer noch 56 Prozent, den Abwurf der Atombomben für gerechtfertigt. Das ergab im Frühjahr eine Studie des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Pew in Washington. In Japan meinen dagegen 79 Prozent, die Abwürfe seien ungerechtfertigt gewesen. Der Rundgang im Nagasaki-Museum endet mit der Geschichte des Atomwaffensperrvertrags.

          Drei Tage nach dem Atombombenabwurf in Nagasaki machte Fukahori sich zusammen mit der Mutter auf, um den Leichnam der Schwester zu verbrennen. Der alte Mann mit seiner feinen Stimme wird leise, als er von dem Tag berichtet. Seine Mutter stand abseits und betete. Er stand in der gleißenden Hitze und achtete sorgfältig darauf, den Körper seiner geliebten Schwester in - wie er sagt - „gute, schöne Knochen“ zu verwandeln. „Ich bin jetzt 86 Jahre alt“, sagt Fukahori, und seine Stimme stockt. „Das war die schwerste Aufgabe in meinem ganzen Leben.“

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