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70 Jahre Kriegsende : „Werwölfe“ als Hitlers letztes Aufgebot

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Eine der letzten Aufnahmen von Adolf Hitler vom 20. April 1945, seinem Geburtstag, zeigt ihn bei der Auszeichnung von Mitgliedern der Berliner Hitler-Jugend, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Volkssturmeinheiten zusammengefaßt wurden. Bild: dpa

Die im Herbst 1944 gegründeten NS-„Werwölfe“ sollten hinter den alliierten Linien Anschläge verüben und so den Vormarsch des Feindes ins Deutsche Reich stören. Aber auch in der kriegsmüden deutschen Bevölkerung verbreiteten die fanatischen Nazi-Partisanen Angst und Schrecken.

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          Der Untergang des Deutschen Reiches ist längst Gewissheit, als der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, eine letzte Kampfgarde aus Volkssturm, Partei und Hitlerjugend mobilisiert. Es entsteht die Guerilla-Formation „Werwolf“. Sie soll Anschläge hinter den alliierten Linien verüben. Aber tatsächlich terrorisieren die Werwölfe vor allem kriegsmüde Zivilisten. Etliche Morde an deutschen Deserteuren und „Kollaborateuren“ kurz vor der Befreiung gehen auf ihr Konto: Grausame Bluttaten, oft begangen im Rausch der Selbstjustiz.

          Den Aufbau überträgt Himmler dem SS-Obergruppenführer Hans-Adolf Prützmann, einem berüchtigten Partisanenjäger im Donezbecken in der Sowjetunion. Grundlage: Die Taktikfibel „Werwolf. Winke für Jagdeinheiten“, eine krude Schrift, die bis heute in Kreisen der Neo-Nazis zirkuliert.

          Himmlers Pläne einer Kampfgarde scheitern jedoch auf der ganzen Linie. Das hat vor allem zwei Gründe: Der Zustrom an „todesmutigen Freiwilligen“ aus den Reihen der oft ums nackte Überleben kämpfenden Bevölkerung ist gering. Zudem fehlt es den Werwölfen an Ausbildung und Waffen.

          Volker Koop hat für sein 2008 erschienenes Buch über die Organisation erstmals Protokolle der Staatssicherheit von Vernehmungen ehemaliger Werwolf-Anhänger ausgewertet. Er urteilt: „Das Entscheidende am Werwolf war die psychologische Bedeutung.“

          Spektakuläre Fälle seien in Wirklichkeit die Tat anderer NS-Fanatiker. Dazu gehört das wohl bekannteste den Werwölfen zugeschriebene Unternehmen mit dem makabren Decknamen „Karneval“: Himmler wollte Franz Oppenhoff (1902-1945) tot sehen, den ersten Nachkriegsbürgermeister Aachens, eingesetzt von den US-Besatzern.

          SS-Schergen ermordeten Aachens Bürgermeister

          Die Mörder springen westlich von Aachen aus einem Flugzeug ab, das Gebiet ist von US-Streitkräften kontrolliert. Als vermeintlich abgeschossene Piloten führt eine 16-Jährige die SS-Männer am 25. März 1945 zu Oppenhoffs Wohnung. Er hilft bereitwillig, bietet Getränke und belegte Brote an. Ein SS-Mann schießt ihm aus nächster Nähe mit einer Pistole in den Kopf. Oppenhoff ist sofort tot. Es sei nachweislich keine Tat des Werwolfs gewesen, schreibt Koop: SS und Luftwaffe hätten die Aktion geführt.

          Zweifel hat Koop auch an der Werwolf-Verantwortung für die „Penzberger Mordnacht“, wie sie in vielen Quellen beschrieben wird. In Oberbayern wurden am 28. April 1945, wenige Tage vor Kriegsende, 16 Regimegegner hingerichtet, darunter eine schwangere Frau. Sie hatten ihre Stadt den US-Truppen kampflos übergeben wollen. Koop zufolge trug dafür aber nicht der Werwolf die Verantwortung, sondern der Volkssturm oder das „Freikorps Adolf Hitler“. Auf Flugblättern hatten die Täter sich als Werwölfe ausgegeben.

          Der „Eindruck einer flächendeckenden Erhebung“ der Deutschen gegen die Alliierten habe zu keiner Zeit zugetroffen, urteilt der Berliner Wissenschaftler Steffen Hennicke. Dennoch glaubten die alliierten Streitkräfte bis weit in die Nachkriegszeit hinein an die Existenz eines schlagkräftigen Partisanen-Apparates, vor allem die Sowjets verfielen in eine regelrechte Werwolf-Angst, der Tausende junge Männer zum Opfer fielen.

          Goebbels inszenierte Werwolf-Propaganda

          Der Ursprung der Bezeichnung Werwolf ist nicht exakt geklärt. Oft wird der Schriftsteller Hermann Löns als Namensgeber genannt. Er veröffentlichte 1910 den Roman „Der Wehrwolf“, dessen Handlung in Niedersachsen zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges spielt. Doch es gab in der Weimarer Republik auch einen rechtsextremen paramilitärischen Verband, der sich Werwolf nannte, und später in der Sturmabteilung (SA) der Nazis aufging. Als Symbol diente eine stilisierte Wolfsangel mit Querstrebe.

          Erstmals verwendete Himmler den Begriff Werwolf in einer Rede vom 28. Oktober 1944: „Jeder Häuserblock einer Stadt, jedes Gehöft, jedes Dorf wird von Männern, Knaben und Greisen und, wenn es sein muss, auch von Frauen und Mädchen verteidigt. Und wie Werwölfe werden todesmutige Freiwillige dem Feinde seine Lebensfäden abschneiden.“

          200.000 dieser Partisanen soll es gegeben haben. Koop bestätigt das nicht, schreibt aber, dass es die Organisation „sehr wohl in den deutschen Ostgebieten gegeben hat, im Westen Deutschlands blieb sie allenfalls rudimentär“.

          Joseph Goebbels inszeniert die Werwolf-Propaganda nimmermüde in Rundfunk und Presse. Er lässt den „Sender Werwolf“ einrichten, der ab Ostern 1945 auf einer eigenen Frequenz flammende Appelle ausstrahlt: „An die Arbeit! Seid tapfer wie die Löwen und listig wie die Schlangen“. Oder: „Hass ist unser Gebot und Rache unser Feldgeschrei.“

          Als die Fronten immer schneller auf das Reichsgebiet vorrücken, lassen sich viele Städte bereitwillig befreien. Himmler ordnet für den Fall der Rückeroberung drastische Konsequenzen an: „Jetzt schon hat unsere Organisation hinter der amerikanischen Front durch Vollziehung der Todesstrafe an Verrätern erzieherisch zu wirken.“

          Hitlers Nachfolger, Admiral Karl Dönitz, beendet am 5. Mai per Erlass den Spuk der Werwölfe als illegale Kampftätigkeit. Vom eingeforderten heroischen Kampf bis zur letzten Patrone wollen die Werwolf-Gründer nichts wissen: Joseph Goebbels begeht am 1. Mai in Berlin Suizid, am Tag zuvor hatte Adolf Hitler sich im Bunker unter der Reichskanzlei erschossen. Heinrich Himmler schluckt am 23. Mai eine Zyankali-Kapsel - bereits in Lüneburg im Gewahrsam britischer Truppen.

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