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68er-Revolte in der Provinz : Der Rotbart von Biberach

Der rote Bart ist geblieben: 68er-Anführer Heilig vor dem Esel des Biberacher Marktplatzes
          5 Min.

          Fast alle Demonstranten sind glatt rasiert, als sie sich im Mai 1968 auf dem Biberacher Marktplatz versammeln. Doch Martin Heilig lässt den roten Vollbart wachsen. Er ist in Stuttgart als Kunststudent eingeschrieben und gehört zu den Anführern der Achtundsechziger-Revolte in der oberschwäbischen Provinz. „Hier, wo heute der Esel steht, der an Wielands Abderitengeschichte erinnert, hat Bundeskanzler Kiesinger damals seine Rede gehalten“, sagt Heilig heute.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Sein Bart ist immer noch rot, das Haupthaar grau. Vierzig Jahre ist es her, dass in der Kleinstadt im schwäbischen und katholischen Oberland die Schüler auf den Marktplatz zogen. Sie sangen: „Maikäfer flieg, in Vietnam ist Krieg“. Auf den Plakaten stand: „Gegen politischen Missbrauch der Polizei“. 650 Kilometer liegen zwischen Berlin, dem Zentrum der Achtundsechzigerrevolte, und der Provinzstadt.

          Ein Phallus auf der Titelseite

          In Biberach begann die Provinzrevolte in einem Jazzkeller. Schon einige Zeit bevor in Berlin, Heidelberg oder Frankfurt Tausende von Studenten auf die Straßen gingen, traf sich die rebellische Jugend Oberschwabens in einer Musikkneipe. Man diskutierte. Es sammelten sich die, denen die spießbürgerlichen Moralvorstellungen zu eng und die Politik der in Bonn Regierenden zu rückschrittlich waren. Die meisten waren Schüler, denn eine Universität gibt es in Oberschwaben bis heute nicht, abgesehen von der Pädagogischen Hochschule in Weingarten.

          Revolution in der Provinz: Schüler gegen Kiesinger
          Revolution in der Provinz: Schüler gegen Kiesinger : Bild: Falk Orth

          Vielleicht aus Unkenntnis, vielleicht aber auch, weil man sich von den Studenten in den Großstädten irgendwie absetzen wollte, schrieben die Gymnasiasten A.P.O. statt APO auf ihre Plakate. Im Kern war die „außerparlamentarische Opposition“ in der Provinz ein Schüleraufstand gegen eine autoritäre Pädagogik und gegen die vorherrschende Sexualmoral. „Schlachtet keine Lehrlämmer, sondern Direktorenschweine“, schrieben die Schüler auf die Transparente. Ein riesiger Phallus auf der Titelseite der Schülerzeitung „Venceremos“ des Wieland-Gymnasiums sorgte für Aufsehen und zog 1970 einen in der Republik beachteten Prozess vor dem Biberacher Amtsgericht nach sich.

          „Schläge und gute Worte nützen nichts mehr“

          Martin Bangemann, der spätere EU-Kommissar, verteidigte die Schüler und gewann. Während des Prozesses zogen die Schüler demonstrierend mit „Ho, Ho, Ho Chi Minh“-Rufen durch Biberach. Die Richter sprachen die Angeklagten vom Vorwurf frei, unzüchtige Schriften verbreitet zu haben. Die Stimmung in Biberach Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre war aufgekratzt und aufmüpfig. Es gärte in der Gesellschaft. „Die Stadt“, erinnert sich der frühere Biberacher Oberbürgermeister Claus-Wilhelm Hoffmann, „war nach dem Krieg durch die Flüchtlinge schon offener geworden. Aber es war immer noch Stadtgespräch, wenn meine Frau in der Öffentlichkeit eine Hose und keinen Rock trug.“

          Doch es bedurfte einiger Anstöße von außen, bis die Schüler, wenige Studenten und noch weniger Lehrer sich in Biberach zur „A.P.O.“ zusammenfanden. Anfang März 1968 sprach der NPD-Bundesvorsitzende Adolf von Thadden in einer Turnhalle. Einige Schüler protestierten. Thadden beschimpfte die „maoistischen Sklaven“, und die Schüler skandierten „Adolf bleibt Adolf“ zurück. Die Stimmung wurde aggressiver: „Wenn einer erst einmal ein überzeugter APO-Anhänger ist, nützen Schläge und gute Worte nichts mehr“, schrieb die Lokalzeitung damals.

          Keine Chance für Kiesinger

          Dann kam der Besuch von Kanzler Kurt Georg Kiesinger. Zwei Jahre zuvor war der CDU-Politiker, damals noch als Ministerpräsident, ebenfalls in Biberach gewesen. Er fuhr damals mit der Kutsche durch die Stadt, die Bürger jubelten. Als Kiesinger am 11. Mai 1968 auf den Marktplatz kommt, hofft er wieder auf überwältigenden Zuspruch. Kiesinger war kurz zuvor in der Universitätsstadt Konstanz gewesen und musste sich dort kritischen Diskussionen stellen. Doch auch in Biberach werden ihm Plakate mit der Aufschrift „Schluss mit der christlichen Liebe der CDU!“ vorgehalten.

          Auf dem Marktplatz stehen mehr als tausend Menschen - protestierende Schüler und Biberacher Bürger. Claus-Wilhelm Hoffmann steht mit der Amtskette des Oberbürgermeisters neben dem Kanzler. Der Kanzler will über die bevorstehende Landtagswahl sprechen. „Er konnte die Protestierenden nicht übertönen, trotz Lautsprecheranlage“, erinnert sich Hoffmann, ein liberaler CDU-Politiker, der aus einer württembergischen Gelehrtenfamilie stammt. Bei seiner Wahl 1964 war Hoffmann der jüngste deutsche Oberbürgermeister.

          Die Proteste spalten die Stadt - bis heute

          „Kiesinger wurde irgendwann nervös, wandte sich an die Biberacher Bürger und sagte: ,Räumen Sie den Marktplatz von den jungen Leuten'“, erzählt Hoffmann. Es kommt zu einem Tumult, Biberacher Bürger schlagen den oberschwäbischen Schülern die roten „Vietnamkreuze“ aus der Hand. Kiesinger schickt seiner Aufforderung, die Demonstranten vom Marktplatz zu vertreiben, zwar ein „aber ohne Gewalt“ hinterher, doch einige Biberacher Bürger sind nicht mehr zu stoppen. „Da hatte Kiesinger einen schlimmen Fehler gemacht. Ich habe dann meine Sekretärin gebeten, das Goldene Buch wieder ins Rathaus zu bringen, denn ein Kanzler, der zur Gewalt aufruft, sollte sich da nicht eintragen“, sagt Hoffmann.

          Als er kürzlich in einem Interview mit einem Stadtmagazin erstmals über das Verhalten Kiesingers in Biberach sprach, erregte das viel Aufsehen. Denn die Revolte spaltet Biberach bis heute: Die Lokalzeitung weigert sich, ein von dem Achtundsechziger Peter Schmid geschriebenes Theaterstück über die Provinzrevolte zu rezensieren, und die damaligen Anführer des Protestes sprechen noch immer vom „Establishment“, wenn von ihrem ehemaligen Oberbürgermeister die Rede ist, auch wenn der es heute großartig findet, dass seine Tochter dank der Achtundsechziger Marx' Kapital gelesen habe.

          Kiesinger hatte sich zu Beginn der Achtundsechzigerrevolte eher verständnisvoll gezeigt und an seine Parteifreunde appelliert, auf den Studentenprotest mit einer Hochschulreform zu antworten. Im baden-württembergischen Landtagswahlkampf agierte er dann wie in Biberach zunehmend nervöser, was auch an dem Erstarken der NPD lag, die im selben Jahr wegen der in Bonn regierenden Großen Koalition so viele Protestwähler an sich binden konnte, dass sie schließlich mit fast zehn Prozent in den Landtag einzog.

          Eine traditionelle schwäbische Aufmüpfigkeit

          Auf fast allen Fotos, die aus den Jahren 1968 erhalten sind, sieht man die beiden Anführer der Revolte: Ekke Leupolz und den rotbärtigen Martin Heilig. Beide trugen den Judenstern mit der Aufschrift APO an der Brust. Trotz dieser Gemeinsamkeit entwickelten sie sich unterschiedlich: Leupolz wurde radikal und verstand sich als orthodoxer Marxist. Kurz vor seinem Tod sagte er, dass er „irgendwann kapiert“ habe, dass er ein Bürgerkind bleiben werde. Heilig veranstaltete „Malfeste“ und bezieht sich bis heute gern auf Herbert Marcuses Kritik am affirmativen Kulturbegriff. „Mein Kurs war die Kultur. Es war schwierig, in Biberach zu den Achtundsechzigern zu gehören. Meine Familie war wütend, die Repressionen waren stärker, allerdings auch die Möglichkeiten, etwas zu bewirken“, sagt er heute.

          Der Kunstmaler sieht in der Achtundsechzigerrevolte in Biberach heute einen „ideenreichen Aufstand“, er begründet die Revolte auch mit der traditionellen oberschwäbischen Aufmüpfigkeit. „Er lehnte sich auf gegen alles, was wir unter dem Wort Philisterei zu begreifen gewohnt sind, gegen die stockende Pedanterie, kleinstädtisches Wesen, kümmerliche äußere Sitte, beschränkte Kritik, falsche Sprödigkeit, platte Behaglichkeit, anmaßliche Würde“, zitiert Heilig aus Goethes Nachruf auf Christoph Martin Wieland, den berühmtesten Sohn Biberachs.

          Was ist geblieben vom Achtundsechziger-Aufstand der Schüler in der CDU-Hochburg Biberach? Vermutlich sehr wenig. „Dass man seit 1968 auch in Freizeitkleidung Vorlesungen abhalten konnte“, hat Wilhelm Hennis kürzlich ironisch über die Wirkung der Bewegung in der deutschen Geschichte gesagt. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler antwortete auf die Frage, was die Achtundsechziger Positives hinterlassen hätten, sehr knapp mit einem Wort: nichts.

          Die eigene Wirkung überschätzt

          Claus-Wilhelm Hoffmann blickt mit weniger Ingrimm auf die Schülerrevolte in Biberach zurück: „Ein Ergebnis ist, dass man sich Biberach nicht mehr ohne Coca-Cola vorstellen kann“, sagt er. Wie überall überschätzen auch die Biberacher Revoluzzer ihre historische Wirkung - die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit, eine gewisse gesellschaftliche Liberalisierung begann auch in Biberach schon vor den Tumulten vor dem Rathaus 1968.

          Und auch in der Provinz sind Achtundsechziger heute stolze Selbstdeuter ihrer eigenen Vergangenheit. Einige Akteure verfielen den Drogen. Andere führten schnell ein bürgerliches Leben. Biberach hatte viele Jahre drei unabhängige Jugendhäuser, der Plan, ein Künstlerhaus „Allseitige Kreativität“ zu bauen, scheiterte. Viel ist das nicht.

          Martin Heiligs Auftritt auf dem Marktplatz muss sich allerdings in der Erinnerung Kiesingers festgesetzt haben: Wenige Tage nach den Unruhen in Biberach im Frühjahr 1968 war Kiesinger in Kressbronn, wo sich der Kanzler der Großen Koalition häufig mit Abgeordneten von CDU und SPD beriet. Als Kiesinger gefragt wurde, ob er sich mit den Biberachern nun wieder versöhnt habe, antwortete er: „Ja, aber mit dem rotbärtigen jungen Mann, habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.“

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