https://www.faz.net/-gpf-x76d

68er-Revolte in der Provinz : Der Rotbart von Biberach

Der rote Bart ist geblieben: 68er-Anführer Heilig vor dem Esel des Biberacher Marktplatzes Bild: Falk Orth

In Biberach begann die Provinzrevolte in einem Jazzkeller: Schon lange vor den Protesten in Berlin traf sich die rebellische Jugend Oberschwabens. Beim Besuch Kanzler Kiesingers kommt es 1968 zum Tumult. Die Ereignisse spalten die Stadt bis heute.

          5 Min.

          Fast alle Demonstranten sind glatt rasiert, als sie sich im Mai 1968 auf dem Biberacher Marktplatz versammeln. Doch Martin Heilig lässt den roten Vollbart wachsen. Er ist in Stuttgart als Kunststudent eingeschrieben und gehört zu den Anführern der Achtundsechziger-Revolte in der oberschwäbischen Provinz. „Hier, wo heute der Esel steht, der an Wielands Abderitengeschichte erinnert, hat Bundeskanzler Kiesinger damals seine Rede gehalten“, sagt Heilig heute.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Sein Bart ist immer noch rot, das Haupthaar grau. Vierzig Jahre ist es her, dass in der Kleinstadt im schwäbischen und katholischen Oberland die Schüler auf den Marktplatz zogen. Sie sangen: „Maikäfer flieg, in Vietnam ist Krieg“. Auf den Plakaten stand: „Gegen politischen Missbrauch der Polizei“. 650 Kilometer liegen zwischen Berlin, dem Zentrum der Achtundsechzigerrevolte, und der Provinzstadt.

          Ein Phallus auf der Titelseite

          In Biberach begann die Provinzrevolte in einem Jazzkeller. Schon einige Zeit bevor in Berlin, Heidelberg oder Frankfurt Tausende von Studenten auf die Straßen gingen, traf sich die rebellische Jugend Oberschwabens in einer Musikkneipe. Man diskutierte. Es sammelten sich die, denen die spießbürgerlichen Moralvorstellungen zu eng und die Politik der in Bonn Regierenden zu rückschrittlich waren. Die meisten waren Schüler, denn eine Universität gibt es in Oberschwaben bis heute nicht, abgesehen von der Pädagogischen Hochschule in Weingarten.

          Revolution in der Provinz: Schüler gegen Kiesinger
          Revolution in der Provinz: Schüler gegen Kiesinger : Bild: Falk Orth

          Vielleicht aus Unkenntnis, vielleicht aber auch, weil man sich von den Studenten in den Großstädten irgendwie absetzen wollte, schrieben die Gymnasiasten A.P.O. statt APO auf ihre Plakate. Im Kern war die „außerparlamentarische Opposition“ in der Provinz ein Schüleraufstand gegen eine autoritäre Pädagogik und gegen die vorherrschende Sexualmoral. „Schlachtet keine Lehrlämmer, sondern Direktorenschweine“, schrieben die Schüler auf die Transparente. Ein riesiger Phallus auf der Titelseite der Schülerzeitung „Venceremos“ des Wieland-Gymnasiums sorgte für Aufsehen und zog 1970 einen in der Republik beachteten Prozess vor dem Biberacher Amtsgericht nach sich.

          „Schläge und gute Worte nützen nichts mehr“

          Martin Bangemann, der spätere EU-Kommissar, verteidigte die Schüler und gewann. Während des Prozesses zogen die Schüler demonstrierend mit „Ho, Ho, Ho Chi Minh“-Rufen durch Biberach. Die Richter sprachen die Angeklagten vom Vorwurf frei, unzüchtige Schriften verbreitet zu haben. Die Stimmung in Biberach Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre war aufgekratzt und aufmüpfig. Es gärte in der Gesellschaft. „Die Stadt“, erinnert sich der frühere Biberacher Oberbürgermeister Claus-Wilhelm Hoffmann, „war nach dem Krieg durch die Flüchtlinge schon offener geworden. Aber es war immer noch Stadtgespräch, wenn meine Frau in der Öffentlichkeit eine Hose und keinen Rock trug.“

          Doch es bedurfte einiger Anstöße von außen, bis die Schüler, wenige Studenten und noch weniger Lehrer sich in Biberach zur „A.P.O.“ zusammenfanden. Anfang März 1968 sprach der NPD-Bundesvorsitzende Adolf von Thadden in einer Turnhalle. Einige Schüler protestierten. Thadden beschimpfte die „maoistischen Sklaven“, und die Schüler skandierten „Adolf bleibt Adolf“ zurück. Die Stimmung wurde aggressiver: „Wenn einer erst einmal ein überzeugter APO-Anhänger ist, nützen Schläge und gute Worte nichts mehr“, schrieb die Lokalzeitung damals.

          Weitere Themen

          Söder hat keine Eile in Sachen Kanzlerkandidatur

          Nach Wahl Laschets : Söder hat keine Eile in Sachen Kanzlerkandidatur

          Bayerns Ministerpräsident warnt nach dem CDU-Parteitag vor einem „Frühstart“ bei der K-Frage und nennt einen geeigneteren Zeitpunkt. Die Grünen machen klar, dass sie im Wahlkampf trotz Aussichten auf eine Koalition die Unterschiede zur Union betonen wollen.

          Topmeldungen

          Fahndungsfotos um 1971 von Mitgliedern der Baader-Meinhof Gruppe.

          Südlich von Hamburg : Waldarbeiter entdecken mögliches RAF-Depot

          Waldarbeiter haben in Niedersachsen einen ungewöhnlichen Fund gemacht: In einem vergrabenen Fass haben sie mutmaßliche RAF-Schriftstücke und andere verdächtige Gefäße entdeckt. Das Landeskriminalamt untersucht den Fund nun.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.