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60 Jahre Hiroshima : „Ich habe keine Ahnung, warum sich die Leute so aufregen“

  • Aktualisiert am

„Enola Gay”-Navigator „Dutch” Van Kirk: Keine große Sache Bild: AP

Theodore „Dutch“ Van Kirk, der Navigator der „Enola Gay“, über seine Mission und die ruhige Stimmung an Bord des Atombombers. Für ihn ist der Abwurf der Atombombe über Hiroshima „überhaupt keine große Sache“. Sagt er.

          5 Min.

          Theodore „Dutch“ Van Kirk, der Navigator der „Enola Gay“, über seine Mission und die ruhige Stimmung an Bord des Atombombers. Für ihn ist der Abwurf der Atombombe über Hiroshima „überhaupt keine große Sache“. Sagt er.

          Mr. Van Kirk, der Abwurf der Bombe auf Hiroshima jährt sich zum sechzigsten Mal. Was empfinden Sie da?

          Ich weiß nicht, warum die Leute so eine große Sache daraus machen. Da ist vor sechzig Jahren etwas passiert, aber ich habe keine Ahnung, warum die Leute sich so aufregen. Für mich ist das nur ein einziger Tag in meinem Leben.

          Zurück von einem ganz normalen Einsatz? Die Enola Gay landet, 6. August 1945

          Also: Keine große Sache?

          Überhaupt keine große Sache.

          Wieso sagen Sie das? Weil Sie sich daran nicht erinnern wollen?

          Nein. Ich erinnere mich daran. Ich versuche nicht, es zu vergessen, aber ich glaube nicht, daß ich jemals etwas Wichtiges getan habe.

          Sie haben nur Befehle befolgt?

          Nein, ich hätte aussteigen können, wenn ich gewollt hätte. Ich wollte es ja machen. Als wir damit anfingen, sagten wir: Damit werden wir den Krieg entscheidend verkürzen oder beenden. Für uns war wichtig, den Krieg zu beenden. Wir hatten damals etwa 16 Millionen Leute unter Waffen. Wir waren alle Zivilisten, die Soldaten geworden waren. Keiner gehörte wirklich zum Militär: Zivilisten in Uniform, wenn Sie so wollen. Jeder wollte nach Hause. Wir waren seit fast fünf Jahren dabei und sahen kein Ende. Die Japaner machten keine Anstalten, sich zu ergeben. Präsident Truman hatte sie aufgefordert, bedingungslos zu kapitulieren, oder sie würden aus der Luft zerstört. Sie sagten, darüber müsse man nicht mal nachdenken.

          Am 6. August 1945, als Sie in die "Enola Gay" sprangen: Wußten Sie genau, was Sie tun würden?

          Wir wußten genau, was wir tun würden. Wir hatten schon eine Weile dafür trainiert, und nach der Testexplosion in New Mexico kamen ein paar Leute, die dabeigewesen waren, zu uns und erklärten uns, was sie erwarteten, wenn die Bombe explodiert. Sie hatten Bilder der Explosion und Filmaufnahmen. Wir arbeiteten ein Manöver aus, um von der Bombe wegzukommen, weil sie sagten, daß unser Flugzeug explodieren würde, falls wir im Augenblick der Zündung näher als acht Meilen an der Bombe wären.

          Haben Sie an jenem Morgen mit den anderen Männern der Crew darüber gesprochen?

          Nein, es war wie jede andere normale Mission. Ich hatte 58 Einsätze über Europa mitgemacht, von England und Nordafrika aus. Es war das erste Mal für mich über dem Pazifik, aber für uns war es wie jeder andere Einsatz.

          War die Stimmung während des Fluges gedrückt?

          Nein, wie bei jedem anderen Einsatz. Manche haben ein Nickerchen gemacht, manche ein Buch gelesen. Ich war der Navigator. Navigatoren sind die einzigen an Bord eines Flugzeugs, die immer arbeiten. Ich war damit beschäftigt, sicherzustellen, daß das Flugzeug auf Kurs blieb. Es war nicht anders als bei anderen Missionen auch, nur daß irgendwann Paul W. Tibbets, der Pilot, zu den Leuten nach hinten ging und ihnen sagte, daß wir den Auftrag hatten, die erste Atombombe abzuwerfen. Ich glaube, daß die Leute da dachten, daß sie etwas taten, das vielleicht den Krieg beenden würde.

          Einige aus der Crew wußten nichts über das Ziel des Einsatzes?

          Richtig. Einige wußten nichts davon. Niemand teilte jemals offiziell mit, daß wir sie abwerfen würden, aber wenn man in der 509. Composite Group (einem Teil der 20. Division der amerikanischen Luftstreitkräfte) war und nicht wußte, daß man eine Atombombe abwerfen würde, war man schon ziemlich dämlich. Denn sie sagten einem, daß man rausgeht mit etwas, das das Flugzeug in die Luft jagen kann, das eine ganze Stadt zerstören kann, und man sah eine Menge Nuklearphysiker herumlaufen.

          Nachdem Tibbets es dem Rest der Crew verkündet hatte, hat da jemand Einwände geäußert?

          Überhaupt niemand. Wir hatten den Japanern ausreichend Gelegenheit gegeben zu kapitulieren. Wir hatten sie gewarnt. Wir waren der Ansicht, wir hatten ihnen sehr viel deutlicher angekündigt, was passieren würde. Und sie hatten uns, zum Beispiel, Pearl Harbor angetan. Aber die Führer des japanischen Volkes waren damals zu stur, um aufzugeben. Man mußte ihnen einen Schock zufügen, um sie zu zwingen, etwas zu tun. Und die Atombombe war dieser Schock.

          Wie erinnern Sie den Moment des Abwurfs?

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