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60 Jahre danach : Dresden gedenkt des schlimmsten Tages seiner Geschichte

An diesem Sonntag gedenkt Dresden seiner Zerstörung durch alliierte Bomber vor sechzig Jahren. Ein Symbol der Unbarmherzigkeit wurde der Angriff auch deshalb, weil er in voller Absicht sich vorwiegend gegen die Altstadt und die Zivilbevölkerung richtete.

          An diesem Sonntag gedenkt Dresden des schlimmsten Tags seiner Geschichte - seiner Zerstörung durch alliierte Bomber vor sechzig Jahren. Ein Symbol der Unbarmherzigkeit des sogenannten „Moral Bombing“ (das Brechen der Moral des Volkes) wurde der Angriff auf Dresden auch deshalb, weil er - obgleich sich in der Stadt kriegswichtige Industrieanlagen und Verkehrswege befanden - in voller Absicht sich vorwiegend gegen die Altstadt mit ihren besonders leicht brennbaren Gebäuden und die Zivilbevölkerung richtete. Zu jener Zeit war die Stadt überfüllt mit Flüchtlingen aus den östlichen Teilen des Reiches. Von einigen Wissenschaftlern wird die Bombardierung heute als völkerrechtswidrig bezeichnet.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Eine bemerkenswerte Leistung des Dresdner Bürgertums war es, daß es der Zerstörung seiner Stadt stets im Geist der Versöhnung gedacht hat. Jedes Jahr treffen sich in Dresden Überlebende der Angriffe mit britischen und amerikanischen Soldaten, die an der Bombardierung beteiligt waren, um der Toten gemeinsam zu gedenken und ein Zeichen gegen die Schrecken des Krieges zu setzen und ihre Erfahrungen und Erlebnisse an Schüler weiterzugeben.

          „Lebenszeichen an Dresden“

          Symbol der Versöhnung ist die Frauenkirche, deren von Deutschen und Freunden in aller Welt geförderter Wiederaufbau in diesem Jahr abgeschlossen sein wird. Am Sonntag wird der Dresdner Frauenkirche das Nagelkreuz der Kathedrale von Coventry verliehen und sie damit in den Kreis der Orte und Institutionen aufgenommen, die sich dem Gedanken der Versöhnung und des Friedens widmen.

          Schon an diesem Samstag finden in Dresden unter dem Motto „Lebenszeichen an Dresden“ zahlreiche Veranstaltungen mit Zeitzeugen statt. Teile der Veranstaltungen wird der Fernsehsender Phoenix am Sonntag zwischen 17 und 18 Uhr ausstrahlen. Der offizielle Teil der Gedenkveranstaltung beginnt am Sonntag mit der stillen Kranzniederlegung auf dem Dresdner Heidefriedhof. Am Nachmittag folgen Gedenkkonzerte und -gottesdienste. Den Abschluß bildet das traditionelle Läuten aller Dresdner Kirchenglocken zu jenem Zeitpunkt, als vor nunmehr sechzig Jahren die verheerenden Angriffe begannen, daran schließt sich nach 22 Uhr die „Nacht der Stille“ an der Dresdner Frauenkirche an.

          Am Nachmittag wollen Rechtsextreme aufmarschieren

          Erstmals findet in diesem Jahr die Aktion „10.000 Kerzen für Dresden“ auf dem Theaterplatz statt, zu der unzählige Prominente, darunter Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU), aufgerufen haben. Die Initiatoren wollen ein Bild des stillen, würdevollen Gedenkens schaffen, „das um die Welt“ geht, und zugleich ein Zeichen setzen gegen den für den Nachmittag angekündigten Aufmarsch mehrerer hundert Rechtsextremer aus ganz Deutschland. Zwar versuchen rechtsextreme Kreise den 13. Februar schon seit einigen Jahren für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. In diesem Jahr messen sie dem Ereignis aber nicht nur wegen der Symbolkraft des „runden“ Jahrestages gesteigerte Bedeutung bei, sondern auch, weil es der NPD bei der Landtagswahl im vergangenen September gelang, in das sächsische Parlament einzuziehen.

          Zwei Redner der NPD versuchten schon am 21. Januar im Sächsischen Landtag, das Dresdner Inferno zu einem „Bomben-Holocaust“ umzudeuten und damit gegen Auschwitz in Stellung zu bringen. Die NPD hat für Sonntag das Kommen der Prominenz der rechtsextremen Szene angekündigt.

          Linke Gruppen fordern Abriß der Frauenkirche

          Die Polizei in Dresden bereitete sich schon am Freitag mit Unterstützung von mehreren hundert Kollegen aus anderen Bundesländern intensiv auf die Sicherung der Gedenkveranstaltungen vor. Denn neben bis zu 4.000 Rechtsextremen werden am Wochenende in der sächsischen Landeshauptstadt auch einige hundert gewaltbereite Linksextreme erwartet. Linksextremistische Gruppen haben in den vergangenen Wochen versucht, Gesinnungsgenossen in ganz Deutschland zu mobilisieren. Diese Gruppen versuchen das Dresdner Geschehen unter dem Motto „No tears for krauts!“ zu banalisieren und fordern den Abriß der Frauenkirche.

          Um sich zu wehren gegen die Instrumentalisierung der Opfer zum Aufrechnen von Schuld ebenso wie gegen jede Verhöhnung der Opfer, gegen jede Form von demokratiefeindlicher und menschenverachtender Ideologie, Haltung und Aktion, die sich der Erinnerung an die Zerstörung Dresdens bedient, haben sich schon Ende vergangenen Jahres mehrere hundert Dresdner Bürger dem Aufruf „Ein Rahmen für das Erinnern“ angeschlossen. In dem Aufruf heißt es: „Wir wollen, daß der 13. Februar Ausgangspunkt eines über den Tag hinausweisenden Lernens und Engagements für Frieden und Menschlichkeit wird.“

          Die Stadt Dresden, die den Aufruf unterstützt, hat im ganzen Stadtgebiet Plakate aufhängen lassen. Dresden kommt in der Aufzählung von zwölf durch Krieg und Terror betroffenen Städten erst an dritter Stelle vor - hinter Bagdad und Coventry. Das ist laut Auskunft der Stadt nicht wertend gemeint, sondern der alphabetischen Auflistung geschuldet. Dennoch: Neben der Trauer um die eigenen Opfer gehe es um „ein ganzes Jahrhundert von Leid“, sagt Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP). Dresden sei eben leider kein Einzelfall in der Geschichte. Aber Dresden müsse zu einer Stadt des Friedens werden. „Dies ist unsere Botschaft zum 60. Jahrestag der Zerstörung.“

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