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50 Jahre „Trabi“ : Rennpappe, Asphaltpickel, Nuckelpinne

Symbol des Sozialismus: Der Trabbi wird 50

Symbol des Sozialismus: Der Trabbi wird 50 Bild: AP

Er war ein Symbol der sozialistischen Planwirtschaft - und ihres Untergangs. Den Sound der Wende vor 18 Jahren lieferten knatternde Zweitakter, die den ehemaligen Todesstreifen überquerten. Frank Pergande erinnert daran, dass der erste Trabant vor 50 Jahren vom Band rollte.

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          Vor fünfzig Jahren, im November 1957, wurden die ersten Autos der Marke „Trabant“ gebaut. Der Trabant erhielt seinen Namen vom ersten Sputnik, dem russischen Erdtrabanten. Der war ins All gestartet, kurz bevor auf Erden das neue, im VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau hergestellte Auto vom Band rollte.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ob der Trabant wirklich als Fahrzeug anzusprechen ist, sei dahingestellt. Auch seine Nutzer beschränkten sich auf den Begriff Gehhilfe. Allemal taugt er aber als Gleichnis für den Sozialismus in der DDR. Denn auch der war immer schlechter, als er es von sich behauptete.

          „Schnittiges, elegantes Fahrzeug“

          Die Betriebsanleitung für den Trabant begann mit Sätzen wie „Der Typ Trabant ist in seiner Klasse ein schnittiges, elegantes und temperamentvolles Fahrzeug.“ Besonders müsse hervorgehoben werden, „dass der Trabant bei nationalen und internationalen Rallye-Fahrten sehr große Erfolge erzielt hat, die den Arbeitern, Technikern und Ingenieuren den Beweis gebracht haben, dass die der Serienfertigung zugrunde gelegte Konzeption des Fahrzeugs richtig gewesen ist“.

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          50 Jahre „Trabi“ : Rennpappe, Asphaltpickel, Nuckelpinne

          Der einzige soziale Unterschied, den der Trabant in der DDR zuließ, war der zwischen denen, die schon einen Trabant besaßen, und denen, die noch auf ihn warteten. Allerdings machte schon die lange Warterei von der Anmeldung eines Autos bis zu dessen Lieferung alle wieder gleich. Zwölf Jahre waren die Norm. Dass am Trabant alle zu Automechanikern wurden, war doppelt, nein dreifach sozialistisch. Alle waren nicht nur gleich, sondern auch noch Arbeiterklasse. Die „Konzeption des Fahrzeugs“ hatte genau das zur Voraussetzung: „Durch Lösen der Schraube an der Spannstrebe und der Lichtmaschinenhalterung kann die Lichtmaschine ausgeschwenkt und somit dem Keilriemen die nötige Spannung verliehen werden. Es wird empfohlen, den neuen Keilriemen nach 50 und 500 Kilometern Laufzeit nachzuspannen.“ Auch die Frauen konnten daran Anteil nehmen. Riss der Keilriemen, was oft geschah, tat es auch ein Damenstrumpf - jeder kannte den Trick.

          Das objektive Tempolimit galt

          Der Trabant war allgegenwärtig. Alle Orte der DDR waren gleich erfüllt von den Abgasen des Zweizylinder-Zweitakt-Ottomotors und den heulenden Geräuschen, wenn die Gangschaltung am Lenker bedient wurde.

          Sozialistisch war an diesem Auto aus Kunststoff auch, dass es, einmal erfunden, für immer gelten sollte - auch wenn aus dem „500“ später immerhin noch der „601“ wurde, sogar als „601 S de Luxe“. In der Trabant-Welt galt das objektive Tempolimit. Niemand vermochte schneller als 110 Kilometer in der Stunde zu fahren. Trabant-Fahrer wurden allesamt auch Immobilienhändler. Weil der eine Trabant fürs Leben jahrzehntelang gepflegt werden musste, bedurfte es einer Garage. Sie wurde im Kollektiv und mit eigenen Händen gebaut. So entstanden jene Garagensiedlungen, die noch heute zu ostdeutschen Städten gehören wie die Plattenbauten.

          Zugegeben, Felder wurden mit einem Trabant nicht bestellt. Aber sonst wurde er für so ziemlich alle Zwecke verwendet. Sogar als Campingwagen mit einem Zelt auf dem Dach. Oder beim Militär als Kübelwagen.

          Es blieb der Traum vom richtigen Auto

          Sozialistisch war schließlich am Trabant, wie Trabant-Fahrer sich über ihn lustig machten. Rennpappe wurde das Auto genannt oder nur Pappe, Asphaltpickel, Nuckelpinne, Plastikbomber. Alle Trabant-Fahrer träumten kollektiv von einem richtigen Auto. Sie waren schließlich froh, statt in den letzten Zuckungen der DDR auf einen Viertakt-Motor zu warten, der immerhin von VW-Entwicklungshilfe profitieren durfte, endlich einen Westwagen fahren zu dürfen. Aber möglicherweise hätte auch die 1989 begonnene Kooperation zwischen Zwickau und dem VW-Werk in Wolfsburg zum Ende des Sozialismus geführt. Denn der Motor eines VW Polo hätte den Trabant bestimmt irgendwann zerfetzt.

          Im Januar 2007 waren noch etwas mehr als 52 000 Autos in Deutschland registriert. Vor sechzehn Jahren jedenfalls war der Trabant buchstäblich über Nacht zum Oldtimer geworden. Da lief der letzte Trabant in Zwickau vom Band. Etwas länger dauerte es, bis die Garagensiedlungen von rechtsradikalen Kameradschaften und anderem zwielichtigen Volk entdeckt waren.

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