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50 Jahre Anwerbeabkommen : Eine schwierige Schicksalsgemeinschaft

  • -Aktualisiert am

Kanzlerin Merkel und Ministerpräsident Erdogan vor dem Originaldokument des Anwerbeabkommens Bild: dpa

Der türkische Ministerpräsident Erdogan und Bundeskanzlerin Merkel feiern die Unterzeichnung des Anwerbeabkommens vor 50 Jahren und reden doch aneinander vorbei.

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          Vielleicht ist es ja der jeweilige Blick auf die Geschichte, der es Angela Merkel und Recep Tayyip Erdogan so schwer macht, über ein und dieselbe Sache zu reden, wenn sie sich zu den deutsch-türkischen Beziehungen äußern. Am Mittwoch feierten die Kanzlerin und der Ministerpräsident im „Weltsaal“ des Auswärtigen Amtes in Berlin die Unterzeichnung des Anwerbeabkommens vor 50 Jahren. Für die Ostdeutsche beginnt der Blick zurück im Jahr 1961, als in Westdeutschland nahezu Vollbeschäftigung herrschte und in Berlin die Mauer gebaut wurde.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Dies habe „zum Beispiel jemanden wie mich davon abgeschnitten“, sagt sie, etwas von den gravierenden Veränderungen mitzubekommen, die nun durch die Einwanderung beginnen sollten. Erdogan hat andere Zeithorizonte vor Augen. Im zwölften Jahrhundert, während der Kreuzzüge, seien sich beide Völker zum ersten Mal begegnet, sagt er, später sei durch die Zusammenarbeit des Osmanischen und des Deutschen Reiches eine „deutsch-türkische Schicksalgemeinschaft“ begründet worden. Er vergisst auch nicht zu erwähnen, dass deutsche Befehlshaber im osmanischen Militär den Türken einst bei den Dardanellen in der Schlacht von Gallipoli geholfen hätten. Deutsche Gastarbeiter nennt Erdogan sie freilich nicht.

          Angela Merkel und Recep Tayyip Erdogan: Verschiedene Zeithorizonte
          Angela Merkel und Recep Tayyip Erdogan: Verschiedene Zeithorizonte : Bild: REUTERS

          Vielleicht es aber auch die Sprache, die es der Deutschen und dem Türken trotz sichtbaren Bemühens so schwer macht, nicht aneinander vorbei zu reden. Wenn Frau Merkel von Integration spricht, dann fallen Begriffe wie „gegenseitige Befruchtung“ und „kulturelle Vielfalt“, aber auch die Notwendigkeit, die deutsche Sprache zu erlernen, bleibt nicht unerwähnt. Erdogan hingegen sagt, er „unterstütze“ Integration, fügt aber an, „Assimilation“ sei ebenso wie „Antisemitismus“ ein Vergehen an der Menschheit. Im übrigen unterstütze er das Streben seiner Landleute in Deutschland nach einem Doppelpass. Der Pass sei einerseits „ein Stück Papier“, aber andererseits auch ein „Symbol für Zusammengehen und Sympathie“. Frankreich etwa habe auch kein Problem damit.

          Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Erdogan: Weist der Weg der Türkei in die EU?
          Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Erdogan: Weist der Weg der Türkei in die EU? : Bild: AFP

          Die Kanzlerin entgegnet, Sympathie und der Doppelpass hingen nicht miteinander zusammen. Jedes Volk habe seine Eigenheiten. Sie gehöre eher der „konservativen Schule“ an, die etwa denke, dass man nicht in zwei Armeen dienen könne. Für einen Moment hat die eher Konservative offenbar vergessen, dass sie gerade die Wehrpflicht abgeschafft hat.

          Stolz auf Özil

          Es ist nicht so, dass es an diesem Vormittag keinerlei Gemeinsamkeiten gibt: Beide verweisen darauf, dass die Türken zwar einst als einfache Arbeiter gekommen seien, deren Kinder und Kindeskinder heute aber Unternehmer, Künstler, Politiker und Sportler seien. Viele von ihnen sind an diesem Tag im „Weltsaal“ versammelt, einige von ihnen diskutieren später mit den beiden Regierungschefs auf einem Podium. Da Erdogan durchaus überraschend, weil ohne kritischen Unterton, anmerkt, auch er sei stolz, wenn Mesut Özil, der für die deutsche Nationalmannschaft spiele, ein Tor schieße, erwidert Frau Merkel: „Wir sind mindestens so stolz.“

          Doch die Einigkeit stößt immer wieder an Grenzen, auch weil Erdogans Worte mitunter verraten, dass er so ganz von den türkischstämmigen Deutschen nicht lassen möchte, etwa, wenn er sagt, inzwischen gebe es eine vierte Einwandergeneration, deren Deutsch genauso gut sei wie ihre „Muttersprache“. Heute gebe es in Deutschland und Europa mehr Türken als einige EU-Staaten Einwohner hätten.

          Der Hinweis dient als Brücke für die folgende Botschaft: Niemand könne zu den Türken „raus“ sagen. Er erhoffe sich, dass Deutschland der Türkei zum EU-Beitritt verhelfe. „Wir gehören zusammen“, sagt er zunächst auf Türkisch, dann auf Deutsch. Frau Merkel wiederum gelingt es beim Festakt, das Thema EU-Beitritt gänzlich zu umgehen.

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          Türken in Deutschland : 50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

          Als die Veranstaltung schon mit der Erkenntnis zu enden droht, gegenseitiges Kennenlernen baue Vorbehalte ab, verhindert Angela Merkel ein Abgleiten ins allzu Banale.

          Bedauernd gesteht sie, privat kaum Kontakte zu Türken und Deutschtürken zu haben, was früher ihrem Leben in der DDR geschuldet gewesen sei, heute ihrem Politikerleben. Da spricht eine türkischstämmige Autorin eine Einladung aus: „Kommen Sie zu mir nach Hause!“ Danke, sagt die Kanzlerin, das werde man sehen, erst einmal müsse sie „aber noch ein bisschen den Euro retten“.

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