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25 Jahre nach dem Mauerfall : Ermutigung

Der „Drachentöter“ Wolf Biermann: Er brachte echtes Leben in den Plenarsaal. Bild: dpa

25 Jahre nach dem Ende des SED-Regimes soll mit Bodo Ramelow erstmals ein Vertreter der Linkspartei Ministerpräsident werden. Das wird nicht Kommunismus 2.0. Aber der Auftritt Wolf Biermanns im Reichstag hatte seine Berechtigung.

          Darf Bodo Ramelow, ein Politiker der Linken, Ministerpräsident in Thüringen werden? Man muss nicht lange erklären, warum diese Vorstellung für viele in Deutschland unerträglich ist. Die Zeitläufte haben ja die Erinnerung an den SED-Staat wie einen aktuellen Bezugsrahmen um diese Frage gezogen: unübersehbar in der Feierstunde des Bundestags mit Wolf Biermann.

          Bundestagspräsident Lammert war so pfiffig, den Liedermacher einzuladen, auf dass er den Abgeordneten und dem deutschen Volke ein Ständchen bringe. Biermann ließ sich dann auch von Lammert nicht abhalten, erst einmal den Abgeordneten der Linkspartei den Marsch zu blasen. „Drachenbrut“ nannte er sie, den „elenden Rest dessen, was zum Glück überwunden ist“, und legte noch einiges drauf.

          Dann erzählte er über sein Lied „Ermutigung“. Wie es politische Gefangene in der DDR getröstet hat: „Ich finde es wunderbar, dass dieses Lied aus den Gefängnissen der DDR heute im Parlament der deutschen Demokratie gesungen werden kann. Ist das nicht toll?“ Und er sang: Du, lass dich nicht verhärten, verbittern, erschrecken, verbrauchen – in dieser harten Zeit.

          Merkel: kalt erwischt

          Es lag nahe, diese Szene als Statement zu Ramelows bevorstehender Wahl zu lesen. Auch für Sigmar Gabriel. Denn seine Partei ist es ja, die in Thüringen für die alte SED den Steigbügelhalter abgibt – wenn man den Vorgang so historisieren will: mit Worten des Schmerzes, die schmerzende Worte sind, indem sie den Schmerz von früher zum Schmerz von heute machen. Gabriel, auch nicht auf den Kopf gefallen, hatte dem aber etwas entgegenzusetzen.

          Lammert ist ja nicht der einzige im Reichstag, der das Florett zu führen weiß. Nachdem Biermann die Gitarre im Koffer verstaut und den Ehrenplatz beim Präsidenten bezogen hatte, wuppte der Vizekanzler aus dem Drehstuhl und flitzte davon, um dem Barden die Hand zu schütteln. Merkel blieb nichts anderes übrig, als ihm hinterdreinzueilen. Auf ihrem Gesicht hätte selbst ein Außerirdischer ablesen können, was „kalt erwischt“ im Sinne Platons bedeutet.

          SPD: Schein und Sein klaffen auseinander

          Doch was blieb Merkel übrig? Einfach sitzen bleiben? Das wäre als Demo gegen Biermann gedeutet worden. Gabriel wiederum hatte sich freie Hand geschaffen: Die Geschichte antwortet nicht auf die Frage, ob ein Linker in Deutschland Ministerpräsident werden darf. Das tut das Erfurter Parlament. Rechtlich ist die Sache einfach: Es darf das. Ob es gut ist, steht auf einem anderen Blatt. Dieses Blatt beschreibt zunächst die SPD. Sie hat das zu verantworten, und sie wird die Folgen als erste tragen.

          Eine ist schon jetzt klar erkennbar. Das ist der vermutlich nicht mehr rückgängig zu machende Wandel des Erscheinungsbildes der Partei. Im Bund darf sie in einer fürwahr großen Koalition mit CDU und CSU regieren – in Wahrheit ist sie nur der Juniorpartner einer beinahe doppelt so großen Unionsfraktion. Schein und Sein klaffen da weit auseinander, aber immerhin gibt es noch den schönen Schein.

          Ist die SPD mehr als ein Könisgmacher?

          Doch wenn die SPD in Thüringen einen Linken zum Ministerpräsidenten wählt, wie sie in Baden-Württemberg einen Grünen dazu gemacht hat, entzaubert das den schönen Schein. Das mag nicht von heute auf morgen wirken. Doch wird es den immer noch lebendigen Nimbus der ehrwürdigen Sozialdemokratie, eine große, gar eine Volks-Partei zu sein, auf mittlere Sicht entzaubern.

          Sie spielt zusehends, teils sogar als die Schwächere, mit Linken und Grünen in derselben Liga. Die Union spielt allein in einer eigenen. Damit schrumpft die SPD auf das Maß, das ihr die Wähler angepasst haben. Beziehungsweise die Zersplitterung der Parteienlandschaft auf der linken Seite des Spektrums.

          Das ist Gegenwart, das sind die Niederungen der Politik, nicht die moralischen Höhenzüge der Geschichte. So bleibt die Frage weiter unbeantwortet: Dürfen die das? Ist das in Ordnung? Oder eine Schande? Also doch zurück in die Vergangenheit. Andere Erfahrungen als die von früher haben wir nicht. Was können wir Deutsche aus der Geschichte lernen? Was war der folgenschwerste Fehler? Ganz klar: die sogenannte „Erbfeindschaft“ mit Frankreich. Daraus wuchsen Blut und Eisen, die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Die Lehre lautet, so kalt wie möglich formuliert: Es ist falsch und gefährlich, andere auf Dauer politisch zu isolieren.

          Schon unter Bismarck wurde falsche Politik betrieben

          1871, bei der deutschen Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Versailler Schlosses, wurde die Jacke falsch eingeknöpft, wie Peter Gauweiler ganz richtig sagt. Denn durch diesen Akt, an diesem Ort, wurde Frankreich nach der ohnehin schon demütigenden Niederlage im Krieg mit Preußen ohne Not noch maximal erniedrigt. Und Bismarck hielt daran fest, Frankreich diplomatisch dauerhaft in Quarantäne zu stecken, wollte auch seine Nachfolger daran gebunden wissen.

          Das sollte Frankreich daran hindern, jemals „Revanche nehmen zu können“, wie er schrieb. Aber es gelang nicht. Bismarcks Bündnissystem, das Frankreichs immer ausschloss, musste irgendwann zerfallen. Das war die entscheidende Voraussetzung für den Ersten Weltkrieg, den Deutschland verlor.

          Nun nahm Frankreich Revanche, wieder in Versailles, mit einem Vertrag, der schon den Keim des nächsten Krieges in sich trug. Das Spiel wiederholte sich: Am 11. November 1918 hatte die von Matthias Erzberger geleitete Delegation im Büro-Waggon des Marschalls Foch beim Wald von Compiègne die Waffenstillstandsvereinbarung unterzeichnet. Eine Generation später, am 22. Juni 1940, ließ Hitler den Waggon aus dem Museum holen und zurück auf die Waldlichtung in Nordfrankreich schaffen, damit dort diesmal die Franzosen ihre Niederlage besiegelten. Jeder kennt die Bilder vom Freudentänzchen des gestiefelten Führers. Und jeder kennt auch das Ende der Geschichte.

          Die Nachkriegszeit ist das Fundament der Völkerfreundschaft

          Heute erscheint uns der deutsche Hass auf Frankreich (und der französische auf Deutschland) nutzlos, grundlos, aberwitzig. Aber das liegt nur daran, dass die Feindschaft seit so vielen Jahren vorüber ist – weil nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kluge Staatsmänner in Deutschland und Frankreich sie begruben. Aber als die das taten, war es nahezu unvorstellbar. Der britische Premier Churchill 1946: „Ich sage Ihnen jetzt etwas, das Sie erstaunen wird. Der erste Schritt zu einer Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein.“ Genau so war es. Und genauso kam es.

          Die vielen Gründe der „Erbfeindschaft“ sind in Vergessenheit geraten. Das heißt nicht, dass es an solchen Gründen fehlte. Es gab sie massenhaft, auf beiden Seiten. Aber wir haben aufgehört, ihnen Bedeutung beizumessen, und deshalb sind sie im Meer der Unwissenheit (und des geschichtlichen Desinteresses) versunken. Wenn mit dem Wissen der böse Wille untergeht, kann man es ertragen.

          Biermanns Verdienst: Leben im Saal

          Es ist so wie in einer Ehe: Kriegt man Krach, verfügt man auch gleich über wahre Berge von Munition. Sie stammt aus den Arsenalen der Erinnerung. Doch macht man allzu freimütig davon Gebrauch, folgt alsbald die Scheidung. Es ist besser, „friedliebend und gerecht“ zu sein. „Um dieses Vertrauen zu erzeugen, ist vor allen Dingen Ehrlichkeit, Offenheit und Versöhnlichkeit im Falle von Reibungen oder von untoward events nöthig.“ Der das schrieb, war abermals Bismarck. „Untoward events“ kann man mit „bedauerliche Ereignissen“ übersetzen.

          Ein weiter Ausflug – was hat er mit Biermann und Bodo Ramelow zu tun? Zunächst mal Biermann: Man konnte es hören, in dieser wahren Sternstunde des Parlaments. Es war nicht deshalb eine Sternstunde, weil da einer die Linken beschimpfte. Sondern weil der Mond bewohnt war: geistreich, aufregend, ernst und witzig. Ein kluger Präsident, lachende, aufgewühlte oder angefasste Politiker, ein Mann mit Gitarre. Es war mal wieder Leben im Saal. Echtes Leben.

          Der deutsche Chanson

          Ein Mann mit Gitarre: durch Biermann hört und sieht man den großen, 1981 verstorbenen französischen Sänger Georges Brassens. Die Melodie der letzten Takte des Refrains von „Ermutigung“ zitiert „Je vous salue Marie“ aus Brassens‘ bewegendem Gebet „La prière“. Aber das muss man alles nicht wissen: es geht nicht um die Tonfolge, sondern um den Geist, die Haltung.

          Unterhalb der Ebene hoher Staatskunst gibt es auch andere französische Einflüsse in Deutschland, die Mode, das Essen. Aber wenn es um das Geistige geht, um die Sicht auf die Welt und den Umgang mit ihr, dann gehört neben Philosophie und Literatur auch das Chanson dazu.

          Die bedeutenden deutschen Liedermacher - Biermann, Degenhardt, Wader, Mey - sind alle vom in Frankreich vielgeliebten Brassens elementar beeinflusst, und es ist wunderbar, dass in unseren Tagen einer beklagenswerten deutsch-französischen Entfremdung diese Saite im Bundestag kraftvoll zum Klingen gebracht wurde.

          Politik: „die Kunst des Möglichen“

          Und Ramelow? Biermann hat gesagt, ein ehemaliger Drachentöter wie er könne nicht die Reste der Drachenbrut niederschlagen. Denn: „Die sind geschlagen.“ Sie weiter schlagen zu wollen, hat keinen Sinn. Es bedeutet nur eine Minderung von Möglichkeiten, sonst nichts. Dergleichen lässt sich, wie die Erfahrung lehrt, sowieso nicht zum eigenen Vorteil durchhalten.

          Es bleibt schwer fassbar, dass ein diplomatisches Genie wie Bismarck, der die Politik so treffend wie bahnbrechend als „die Kunst des Möglichen“ beschrieb, in einer Ausnahme, dem Verhältnis zu Frankreich, für die mutwillige Vernichtung aller politischen Möglichkeiten eintrat. Im Gegenteil geht es doch in der Politik darum, sich Freiheiten zu schaffen, beweglich zu bleiben.

          Politik ist kein statischer Bau, sondern ein Prozess. Sie ist dynamisch und kennt das Morgen nicht. Deshalb erfordert sie Klugheit und Mut. Wer die ungewisse, unbekannte Zukunft fürchtet, klammert sich an die Vergangenheit. Das ist aber kein Lernen aus der Geschichte, sondern ein Haften daran.

          Die früheren Hartmacher verhärten auch

          Das bedeutet nicht, blindem Idealismus das Wort zu reden. Politik ist nicht die Kunst des Unmöglichen.

          Also: Sollen doch die Sozialdemokraten ihren linken Ministerpräsidenten wählen! Der Mann ist ja kein Menschenfresser. Er ist sogar Christ. Und glaubt wirklich jemand, die Linkspartei könne in Deutschland den Kommunismus wieder errichten? Nicht, dass sie es nicht wollte, insgeheim; oder wenigstens in ihren unbelehrbaren Abschnitten, es gibt auch andere. Der alte Hass auf die DDR-Dissidenten, die Unversöhnlichkeit gegen Leute wie Gauck und eben Biermann war ja auch jetzt im Bundestag wieder mit Händen zu greifen. Allerdings wurden die Linken selbst gedemütigt – und haben sich verhärtet.

          Wo sind die SED Milliarden?

          Trotzdem: Wer sich vorstellen kann, dass auch heute noch eine Stasi-Nachfolgeorganisation im Untergrund existiert, der muss kein Spinner sein. Ganz bestimmt kein Spinner ist, wer sich an die verschwundenen SED-Milliarden erinnert, und an den Spruch der Unabhängigen Kommission von 2006, die der PDS eine „Strategie der Vermögensverschleierung“ bescheinigte. Wer darauf hinweist, dass Bodo Ramelow und die Linkspartei bis heute mit den Bolschewiki sympathisieren und deren Symbole verwenden, lügt leider nicht. Wer sie als Partei Russlands bezeichnet, liegt auch nicht daneben.

          Das alles kann man schrecklich finden. Und politisch bekämpfen. Doch durch politische Quarantäne bekommt man die Linkspartei nicht erledigt – das müsste nach 25 Jahren auch dem Letzten klar sein. Also sollte man, was ist, zum Vorteil möglichst aller nutzen. Das ist die Kunst des Möglichen. Sie gilt im Inneren wie im Äußeren, nach Westen wie nach Osten. So hart sind unsere Zeiten nicht. Umso weniger sollten wir uns verhärten, verbittern, verschrecken lassen.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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