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25 Jahre nach dem Mauerfall : Ermutigung

Ein weiter Ausflug – was hat er mit Biermann und Bodo Ramelow zu tun? Zunächst mal Biermann: Man konnte es hören, in dieser wahren Sternstunde des Parlaments. Es war nicht deshalb eine Sternstunde, weil da einer die Linken beschimpfte. Sondern weil der Mond bewohnt war: geistreich, aufregend, ernst und witzig. Ein kluger Präsident, lachende, aufgewühlte oder angefasste Politiker, ein Mann mit Gitarre. Es war mal wieder Leben im Saal. Echtes Leben.

Der deutsche Chanson

Ein Mann mit Gitarre: durch Biermann hört und sieht man den großen, 1981 verstorbenen französischen Sänger Georges Brassens. Die Melodie der letzten Takte des Refrains von „Ermutigung“ zitiert „Je vous salue Marie“ aus Brassens‘ bewegendem Gebet „La prière“. Aber das muss man alles nicht wissen: es geht nicht um die Tonfolge, sondern um den Geist, die Haltung.

Unterhalb der Ebene hoher Staatskunst gibt es auch andere französische Einflüsse in Deutschland, die Mode, das Essen. Aber wenn es um das Geistige geht, um die Sicht auf die Welt und den Umgang mit ihr, dann gehört neben Philosophie und Literatur auch das Chanson dazu.

Die bedeutenden deutschen Liedermacher - Biermann, Degenhardt, Wader, Mey - sind alle vom in Frankreich vielgeliebten Brassens elementar beeinflusst, und es ist wunderbar, dass in unseren Tagen einer beklagenswerten deutsch-französischen Entfremdung diese Saite im Bundestag kraftvoll zum Klingen gebracht wurde.

Politik: „die Kunst des Möglichen“

Und Ramelow? Biermann hat gesagt, ein ehemaliger Drachentöter wie er könne nicht die Reste der Drachenbrut niederschlagen. Denn: „Die sind geschlagen.“ Sie weiter schlagen zu wollen, hat keinen Sinn. Es bedeutet nur eine Minderung von Möglichkeiten, sonst nichts. Dergleichen lässt sich, wie die Erfahrung lehrt, sowieso nicht zum eigenen Vorteil durchhalten.

Es bleibt schwer fassbar, dass ein diplomatisches Genie wie Bismarck, der die Politik so treffend wie bahnbrechend als „die Kunst des Möglichen“ beschrieb, in einer Ausnahme, dem Verhältnis zu Frankreich, für die mutwillige Vernichtung aller politischen Möglichkeiten eintrat. Im Gegenteil geht es doch in der Politik darum, sich Freiheiten zu schaffen, beweglich zu bleiben.

Politik ist kein statischer Bau, sondern ein Prozess. Sie ist dynamisch und kennt das Morgen nicht. Deshalb erfordert sie Klugheit und Mut. Wer die ungewisse, unbekannte Zukunft fürchtet, klammert sich an die Vergangenheit. Das ist aber kein Lernen aus der Geschichte, sondern ein Haften daran.

Die früheren Hartmacher verhärten auch

Das bedeutet nicht, blindem Idealismus das Wort zu reden. Politik ist nicht die Kunst des Unmöglichen.

Also: Sollen doch die Sozialdemokraten ihren linken Ministerpräsidenten wählen! Der Mann ist ja kein Menschenfresser. Er ist sogar Christ. Und glaubt wirklich jemand, die Linkspartei könne in Deutschland den Kommunismus wieder errichten? Nicht, dass sie es nicht wollte, insgeheim; oder wenigstens in ihren unbelehrbaren Abschnitten, es gibt auch andere. Der alte Hass auf die DDR-Dissidenten, die Unversöhnlichkeit gegen Leute wie Gauck und eben Biermann war ja auch jetzt im Bundestag wieder mit Händen zu greifen. Allerdings wurden die Linken selbst gedemütigt – und haben sich verhärtet.

Wo sind die SED Milliarden?

Trotzdem: Wer sich vorstellen kann, dass auch heute noch eine Stasi-Nachfolgeorganisation im Untergrund existiert, der muss kein Spinner sein. Ganz bestimmt kein Spinner ist, wer sich an die verschwundenen SED-Milliarden erinnert, und an den Spruch der Unabhängigen Kommission von 2006, die der PDS eine „Strategie der Vermögensverschleierung“ bescheinigte. Wer darauf hinweist, dass Bodo Ramelow und die Linkspartei bis heute mit den Bolschewiki sympathisieren und deren Symbole verwenden, lügt leider nicht. Wer sie als Partei Russlands bezeichnet, liegt auch nicht daneben.

Das alles kann man schrecklich finden. Und politisch bekämpfen. Doch durch politische Quarantäne bekommt man die Linkspartei nicht erledigt – das müsste nach 25 Jahren auch dem Letzten klar sein. Also sollte man, was ist, zum Vorteil möglichst aller nutzen. Das ist die Kunst des Möglichen. Sie gilt im Inneren wie im Äußeren, nach Westen wie nach Osten. So hart sind unsere Zeiten nicht. Umso weniger sollten wir uns verhärten, verbittern, verschrecken lassen.

Volker Zastrow

Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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