https://www.faz.net/-gpf-7w478

25 Jahre nach dem Mauerfall : Ermutigung

Das ist Gegenwart, das sind die Niederungen der Politik, nicht die moralischen Höhenzüge der Geschichte. So bleibt die Frage weiter unbeantwortet: Dürfen die das? Ist das in Ordnung? Oder eine Schande? Also doch zurück in die Vergangenheit. Andere Erfahrungen als die von früher haben wir nicht. Was können wir Deutsche aus der Geschichte lernen? Was war der folgenschwerste Fehler? Ganz klar: die sogenannte „Erbfeindschaft“ mit Frankreich. Daraus wuchsen Blut und Eisen, die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Die Lehre lautet, so kalt wie möglich formuliert: Es ist falsch und gefährlich, andere auf Dauer politisch zu isolieren.

Schon unter Bismarck wurde falsche Politik betrieben

1871, bei der deutschen Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Versailler Schlosses, wurde die Jacke falsch eingeknöpft, wie Peter Gauweiler ganz richtig sagt. Denn durch diesen Akt, an diesem Ort, wurde Frankreich nach der ohnehin schon demütigenden Niederlage im Krieg mit Preußen ohne Not noch maximal erniedrigt. Und Bismarck hielt daran fest, Frankreich diplomatisch dauerhaft in Quarantäne zu stecken, wollte auch seine Nachfolger daran gebunden wissen.

Das sollte Frankreich daran hindern, jemals „Revanche nehmen zu können“, wie er schrieb. Aber es gelang nicht. Bismarcks Bündnissystem, das Frankreichs immer ausschloss, musste irgendwann zerfallen. Das war die entscheidende Voraussetzung für den Ersten Weltkrieg, den Deutschland verlor.

Nun nahm Frankreich Revanche, wieder in Versailles, mit einem Vertrag, der schon den Keim des nächsten Krieges in sich trug. Das Spiel wiederholte sich: Am 11. November 1918 hatte die von Matthias Erzberger geleitete Delegation im Büro-Waggon des Marschalls Foch beim Wald von Compiègne die Waffenstillstandsvereinbarung unterzeichnet. Eine Generation später, am 22. Juni 1940, ließ Hitler den Waggon aus dem Museum holen und zurück auf die Waldlichtung in Nordfrankreich schaffen, damit dort diesmal die Franzosen ihre Niederlage besiegelten. Jeder kennt die Bilder vom Freudentänzchen des gestiefelten Führers. Und jeder kennt auch das Ende der Geschichte.

Die Nachkriegszeit ist das Fundament der Völkerfreundschaft

Heute erscheint uns der deutsche Hass auf Frankreich (und der französische auf Deutschland) nutzlos, grundlos, aberwitzig. Aber das liegt nur daran, dass die Feindschaft seit so vielen Jahren vorüber ist – weil nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kluge Staatsmänner in Deutschland und Frankreich sie begruben. Aber als die das taten, war es nahezu unvorstellbar. Der britische Premier Churchill 1946: „Ich sage Ihnen jetzt etwas, das Sie erstaunen wird. Der erste Schritt zu einer Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein.“ Genau so war es. Und genauso kam es.

Die vielen Gründe der „Erbfeindschaft“ sind in Vergessenheit geraten. Das heißt nicht, dass es an solchen Gründen fehlte. Es gab sie massenhaft, auf beiden Seiten. Aber wir haben aufgehört, ihnen Bedeutung beizumessen, und deshalb sind sie im Meer der Unwissenheit (und des geschichtlichen Desinteresses) versunken. Wenn mit dem Wissen der böse Wille untergeht, kann man es ertragen.

Biermanns Verdienst: Leben im Saal

Es ist so wie in einer Ehe: Kriegt man Krach, verfügt man auch gleich über wahre Berge von Munition. Sie stammt aus den Arsenalen der Erinnerung. Doch macht man allzu freimütig davon Gebrauch, folgt alsbald die Scheidung. Es ist besser, „friedliebend und gerecht“ zu sein. „Um dieses Vertrauen zu erzeugen, ist vor allen Dingen Ehrlichkeit, Offenheit und Versöhnlichkeit im Falle von Reibungen oder von untoward events nöthig.“ Der das schrieb, war abermals Bismarck. „Untoward events“ kann man mit „bedauerliche Ereignissen“ übersetzen.

Volker Zastrow

Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Folgen:

Weitere Themen

Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“ Video-Seite öffnen

Friedensnobelpreisträgerin : Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“

Auf diesen Termin im Weißen Haus hat sich der amerikanische Präsidenten Donald Trump offenbar nicht besonders gut vorbereitet. Als die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad dem Präsidenten berichtet, dass ihre Mutter und ihre sechs Brüder umgebracht wurden, fragt Trump erstaunt: Wo sind sie jetzt?

Topmeldungen

Die aufgewendete Energie ist enorm, der Ertrag mager: Geförderte Humboldt-Universität in Berlin.

Exzellenz-Förderung : Noch so ein Sieg

Ein Wettbewerb, in dem es nur Sieger gibt, ist eigentlich keiner: Welche Universitäten über die Exzellenzinitiative gefördert werden und welche nicht, sagt so gut wie nichts aus.

Persischer Golf : Vermisst irgendjemand eine Drohne?

Ein weiterer Zwischenfall im Golf schafft Verwirrung. Iran dementiert amerikanische Angaben über einen Drohnenabschuss. Zugleich macht Teheran ein neues Gesprächsangebot.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.