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Blüten im Osten : „In der DDR gab es eher Freizeitfälscher“

Im Volk unbeliebt, bei Fälschern in der DDR jedoch begehrt: Die Ost-Mark. Gefälscht wurde die Währung vor allem, um sie gegen die West-Mark einzutauschen. Bild: dpa

Die Ost-Mark wurde in der DDR auf teils sehr kreative Art gefälscht. Wirtschaftshistoriker Peter Leisering über rüstige Geldfälscher, dreiste Maschen und falsche Fälschungen.

          Herr Leisering, es ist kaum zu glauben: Aber sogar die ungeliebte DDR-Mark wurde gefälscht.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Ja, das hat mich auch überrascht. Ich beschäftigte mich seit 1985 mit der Geldgeschichte der DDR, vor allem damit, wie Banknoten und Münzen hergestellt wurden. Bei meinen Forschungen stieß ich plötzlich auch auf Akten über Fälscher.

          Nur blieb der Schaden überschaubar, wie Sie selbst in Ihrem Buch „Falschgeld in der DDR“ schreiben.

          Nachweisbar sind gut 12000 gefälschte Banknoten im Wert von rund 250000 Mark und etwa 370 Münzen im Wert von 2500 Mark. Das hat die Volkswirtschaft nicht erschüttert.

          Die Mehrzahl der Fälschungen gab es in den fünfziger Jahren. Wie kam das?

          Die Versorgungslage in der DDR blieb auch nach der Währungsreform 1948 schlecht, Lebensmittel waren noch zehn Jahre rationiert, es gab Lebensmittelmarken. Zugleich öffnete die HO, die staatliche Handelsorganisation, Läden, in denen die Leute Waren frei einkaufen konnten, freilich zu einem um ein Vielfaches höheren Preis. Die HO war anfangs so teuer, dass man so viel gar nicht mit ehrlicher Hände Arbeit verdienen konnte, um dort vernünftig einzukaufen.

          Da wurde privat nachgedruckt?

          Ja, oder auch handgezeichnet und koloriert. Die 1948 herausgegebenen Banknoten waren leicht zu fälschen, mit einfachem Wasserzeichen und einem Faserstreifen im Papier. Das war keine große Hürde. Ein Anreiz war auch die offene Grenze nach West-Berlin. Die Leute tauschten Ost- in Westgeld um, zum Kurs von 1:4 oder 1:5. Man brauchte viel Ostgeld, um im Westen einkaufen zu können.

          Ostgeld wurde gefälscht, um es in Westgeld umrubeln zu können?

          Das auch. Doch vor allem, um im Osten einzukaufen. In einem Fall kauften Gastronomen aus West-Berlin falsches Ostgeld, um damit in Ost-Berlin Bier und Spirituosen zu erwerben. Das war natürlich deutlich billiger, noch dazu mit Falschgeld. Die wurden aber erwischt.

          Der Fahndungsdruck war anfangs größer?

          Die Ermittler gaben sich alle Mühe. Der Eifer der Fälscher erlosch jedoch nach dem Geldumtausch 1957, da gab es kaum noch Fälle. Die Banknoten wurden sicherer. Ab 1964 wurden sie im Stichdruck hergestellt, da war Schluss mit einfachem Nachdrucken oder -malen. Die Täter fälschten dann lieber Münzen, das wurde attraktiv, als die DDR in den siebziger Jahren Sondermünzen zu fünf, zehn und 20 Mark herausgab.

          Münzen zu fälschen war leichter?

          Es waren einfache Gussfälschungen. Und es waren eher Sonntags- und Freizeitfälscher am Werk. Der Dresdner Rentner etwa, der mal probierte, ob er Münzen herstellen kann, und ganz stolz war, als sie ihm tatsächlich abgenommen wurden. Die gesellschaftliche Situation war ja eine völlig andere. Es herrschte Vollbeschäftigung, die Leute konnten von ihrer Arbeit leben. Da hatten nur wenige Grund, ihre Existenz aufs Spiel zu setzen.

          Spielte die organisierte Kriminalität eine Rolle?

          Nein, die gab es bei diesem Thema in der DDR ohnehin nicht. Das ist auch ein Grund für die geringe Fallzahl. Banknotenfälschung ist eine Sache von Profis. Wer Geld fälschen will, braucht dafür viel Geld für teure Technik, gutes Papier.

          Gab es Tricks, die sie überrascht haben?

          Ja. Da gingen Leute mit thermokopierten Geldscheinen zur Bank und verlangten frech Ersatz mit der Begründung, die Scheine seien versehentlich gewaschen worden. In den Siebzigern tauchten polnische Bürger mit nachkolorierten Xerox-Kopien auf. Das war unerwartet. In der DDR gab es damals kaum solche Kopierer. Etwas Besonderes sind auch die Viertel-Noten: Man riss an drei Noten je ein Viertel ab und setzte die Stücke zu einer neuen Note zusammen. Die Bank tauschte das zunächst als beschädigte Note um. Es mussten allerdings Teile derselben Note sein. Deshalb war auch diese Masche schnell zu Ende.

          Und es gab noch den System-Betrug.

          Eine Bautzener Rentnerin wurde dabei erwischt. Sie schnitt von Banknoten unterschiedlich große Streifen ab und setzte die Teile verschiedener Noten mit Klebeband und etwas Abstand wieder zusammen. Nach etwa neun Schnitten hatte sie eine zusätzliche Note gewonnen, die sich ergab, weil alle Noten etwas zu kurz waren. Doch das musste auffallen.

          Wurde auch Westgeld gefälscht?

          In Thüringen wurden nach dem Krieg mal 50-Pfennig-Stücke West geprägt, aber das war nicht die Masse.

          Wo sind die gefälschten DDR-Münzen und Banknoten geblieben?

          1952 fielen beim größten Falschgeldfall in der DDR-Geschichte im Leipziger Raum rund 10000 falsche 20-Mark-Scheine an. Sie wurden in der Staatsbank aufbewahrt; ein Exemplar davon findet sich noch im Archiv der Kreditanstalt für Wiederaufbau, in der die Staatsbank aufgegangen ist. Von den anderen Fälschungen ist leider nichts mehr da. Nur eine Handvoll Sammler hat noch welche.

          Sind diese Fälschungen noch wertvoll?

          Ab und zu tauchen Scheine aus der Leipziger Großfälschung auf dem Markt auf. Vor kurzem wurden für eine solche Banknote bei einer Auktion 1800 Euro bezahlt. Bei DDR-Falschmünzen würde ich allerdings vorsichtig sein. Die kann auch heute noch jeder leicht herstellen, und wer sagt mir denn, dass die falsche Ost-Münze von 1986 ist und nicht von 2006, also eine falsche Fälschung?

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