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Biermann beschimpft „Linke“ : Ohrfeigen vom Drachentöter

  • -Aktualisiert am

Immer eigen: Auftritt Wolf Biermanns am 8. November im Berliner Ensemble Bild: AFP

Im Bundestag provoziert der Liedermacher Wolf Biermann die Abgeordneten der Linkspartei. Diese wirken erbost – auch als einer der ihren leise mitsingt.

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          Rhythmisch klopft Richard Pitterle mit den Fingern beider Hände auf den Tisch in der dritten Stuhlreihe seiner Fraktion. Seine Lippen bewegen sich, leise singt er mit. Drei Meter vor ihm sitzt Wolf Biermann, zupft an seiner Klampfe und singt: „Du, lass dich nicht verhärten – in dieser harten Zeit.“ Auf der Tagesordnung des Bundestages steht am Freitagmorgen eine Feierstunde zur „Friedlichen Revolution – 25 Jahre nach dem Mauerfall“. Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte für die „vereinbarte Debatte“ den deutsch-deutschen Liedermacher eingeladen. Die Linkspartei, deren Fraktionsmitglieder mit Ausnahme Pitterles das Lied „Ermutigung“ mit eisernen Mienen verfolgen, hatte sich durch den Parlamentspräsidenten wegen dieser Einladung ausgetrickst gefühlt. Doch sie wusste auch: Bei dieser Feierstunde werde man nichts zu gewinnen haben.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Pitterle war – wiederum als einziger Linker – vor Beginn der Zeremonie auf Biermann zugegangen. Der 55 Jahre alte Schwabe mit tschechisch-sudetendeutschen Wurzeln hatte den Gast erst vor drei Wochen persönlich kennengelernt: Es werde ihn vielleicht wundern, aber er sei in der Linkspartei und möge trotzdem seine Lieder, habe er ihm gesagt, erzählt Pitterle später.

          Durch den Prager Frühling, den er vor seiner Umsiedlung als Kind erlebte, und durch seine Aktivitäten in antifaschistischen Gruppen der alten Bundesrepublik sozialisiert, ging der Umgesiedelte 1990 auf sein erstes Konzert des Ausgebürgerten – in Dresden. Gregor Gysi, dem Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei, fehlt an diesem Morgen das Verständnis – nicht nur für Biermann, sondern auch für Pittlerle: Woher er denn den Text kenne, fragt er ihn tatsächlich. In der ostdeutschen Linkspartei ist Biermann eine Unperson, ein Stachel im Fleisch. Jedenfalls keiner, dessen Texte man mitsingt, selbst wenn man sie kennt.

          Das Lied war „Seelenbrot“ für Inhaftierte

          An diesem Morgen freilich konnten es die Mitglieder der Linkspartei gar nicht abwarten, dass Biermann endlich singt. Das hätte nämlich bedeutet, dass er mit dem Reden aufhört. Da der die Leute aber schon „zersungen“ habe, als diese noch an der Macht gewesen seien, wie Biermann bemerkt, wollte er nun erst sagen, was er sich zu sagen vorgenommen hatte. Das ließ er sich nicht nehmen, auch nicht vom Parlamentspräsidenten, der ihn höflich an die Geschäftsordnung erinnert hatte: Sobald er, Biermann, für den Bundestag kandidiere und gewählt werde, könne er hier reden. Heute aber sei er zum Singen hier, sagte Lammert, womöglich ein wenig peinlich berührt durch die Mutmaßung des Liedermachers, er, Lammert, habe sich wohl von der Einladung erhofft, dass der Gast „den Linken ein paar Ohrfeigen verpasse“.

          Biermann erwiderte Lammerts Erinnerung an die Geschäftsordnung mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein: Er habe sich in der DDR das Reden nicht abgewöhnt und das werde er hier schon gar nicht tun. Heiterkeit im Saal, auch die Bundeskanzlerin klatschte kräftig. Nun erhielt Biermann endlich die Gelegenheit, seine Botschaft zu verkünden. Mit den womöglich erhofften Ohrfeigen sei das so: Er sei von Beruf Drachentöter gewesen – diese könnten aber nicht mit „großer Gebärde die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen“. Es sei doch für sie, die Linken, die in Wirklichkeit Reaktionäre seien, der „elende Rest dessen, was überwunden ist“, Strafe genug, dass er, der einstige Drachentöter, nun hier sitze, spie er mit unterdrückten Zorn. Und dann trug Biermann sein Lied vor, mit dem einige derer, die in der DDR Widerspruch angemeldet hatten“, „in der Zelle“ überlebt hätten, da es für sie „Seelenbrot“ gewesen sei. Wunderbar sei es, dass dieses Lied aus den Gefängnissen der DDR heute im Parlament der deutschen Demokratie gesungen werden dürfe.

          Berlin ist nicht Erfurt und die Tagesschau kein Knast

          Arnold Vaatz, der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende, der wegen Reservewehrdienstverweigerung in der DDR zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden war, erinnerte später in seiner Rede an die Worte, mit denen er von einem Vollzugsbeamten im Gefängnis begrüßt worden sei: Es gebe genug zu essen, geheizt werde auch – es sei im Grunde für alles gesorgt. Gewisse Dinge, die Menschen wichtig seien, gebe es auch im Gefängnis, schlussfolgerte Vaatz. Ohne Freiheit seien all diese Dinge aber nicht viel – „ich füge hinzu: nichts“. Das passte zu Biermanns Ermutigung, galt aber eigentlich Gysi, der zuvor über den Bedingungszusammenhang von Freiheit und „sozialer Sicherheit“ doziert hatte. Das Gedenken an den Fall der Mauer war für den Linken-Fraktionsvorsitzenden Anlass für eine großzügige Gesamtwürdigung: Es sei eine „historische Leistung aller Beteiligten in der DDR“ gewesen, dass es nicht zu Gewalt gekommen sei. Womöglich zielte Vaatz auf diese Historisierungskunst Gysis, als er seine Ausführungen mit einem Zitat aus Biermanns „Ballade vom gut Kirschenessen“ schloss: „Ich weiß schon, sie haben uns alles verziehen, was sie uns angetan haben.“

          Dass die Würdigung historischer Leistungen immer noch davon abhängt, auf welcher Seite des Plenums man sitzt, zeigte sich auch bei anderen Rednern: Gerda Hasselfeldt, die CSU-Landesgruppenvorsitzende und eine von elf aktuellen Abgeordneten, die sich am 9. November 1989 im Bonner Wasserwerk von ihren Plätzen erhoben, um spontan das Lied der Deutschen zu singen, erinnerte daran, dass in der Union die deutsche Einheit nie nur ein Lippenbekenntnis gewesen sei. Die Sozialdemokratin Iris Gleicke, die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, wiederum strich die Bedeutung Willy Brandts hervor. Ihr brach in der Sehnsucht nach dem Gefühl jenes 9. November 1989 gar einmal die Stimme.

          Katrin Göring-Eckardt, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, hielt die aktuellste Rede: Das zentrale Freiheitsversprechen der friedlichen Revolution habe sich erfüllt. „Es kann schon sein, dass jemand doof findet, was das Staatsoberhaupt sagt, aber hier kommt man dafür nicht in den Knast, sondern kriegt seine Zeit in der Tagesschau“, sagte sie mit Blick auf die Kritik mancher Rot-Rot-Grünen an den mahnenden Fragen Joachim Gaucks zur Erfurter Regierungsbildung. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel wollte offenbar – und womöglich auch mit Blick auf die Tagesschau – das Zeichen setzen, dass Berlin nicht Erfurt sei. Nach Biermanns Darbietung ging er jedenfalls zu dem Liedermacher herüber und umarmte ihn. Es folgte Merkel, die dem Drachentöter dankte. Sie beließ es bei einem Schulterklopfen.

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