https://www.faz.net/-gpf-7w2yw

Biermann beschimpft „Linke“ : Ohrfeigen vom Drachentöter

  • -Aktualisiert am

Berlin ist nicht Erfurt und die Tagesschau kein Knast

Arnold Vaatz, der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende, der wegen Reservewehrdienstverweigerung in der DDR zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden war, erinnerte später in seiner Rede an die Worte, mit denen er von einem Vollzugsbeamten im Gefängnis begrüßt worden sei: Es gebe genug zu essen, geheizt werde auch – es sei im Grunde für alles gesorgt. Gewisse Dinge, die Menschen wichtig seien, gebe es auch im Gefängnis, schlussfolgerte Vaatz. Ohne Freiheit seien all diese Dinge aber nicht viel – „ich füge hinzu: nichts“. Das passte zu Biermanns Ermutigung, galt aber eigentlich Gysi, der zuvor über den Bedingungszusammenhang von Freiheit und „sozialer Sicherheit“ doziert hatte. Das Gedenken an den Fall der Mauer war für den Linken-Fraktionsvorsitzenden Anlass für eine großzügige Gesamtwürdigung: Es sei eine „historische Leistung aller Beteiligten in der DDR“ gewesen, dass es nicht zu Gewalt gekommen sei. Womöglich zielte Vaatz auf diese Historisierungskunst Gysis, als er seine Ausführungen mit einem Zitat aus Biermanns „Ballade vom gut Kirschenessen“ schloss: „Ich weiß schon, sie haben uns alles verziehen, was sie uns angetan haben.“

Dass die Würdigung historischer Leistungen immer noch davon abhängt, auf welcher Seite des Plenums man sitzt, zeigte sich auch bei anderen Rednern: Gerda Hasselfeldt, die CSU-Landesgruppenvorsitzende und eine von elf aktuellen Abgeordneten, die sich am 9. November 1989 im Bonner Wasserwerk von ihren Plätzen erhoben, um spontan das Lied der Deutschen zu singen, erinnerte daran, dass in der Union die deutsche Einheit nie nur ein Lippenbekenntnis gewesen sei. Die Sozialdemokratin Iris Gleicke, die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, wiederum strich die Bedeutung Willy Brandts hervor. Ihr brach in der Sehnsucht nach dem Gefühl jenes 9. November 1989 gar einmal die Stimme.

Katrin Göring-Eckardt, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, hielt die aktuellste Rede: Das zentrale Freiheitsversprechen der friedlichen Revolution habe sich erfüllt. „Es kann schon sein, dass jemand doof findet, was das Staatsoberhaupt sagt, aber hier kommt man dafür nicht in den Knast, sondern kriegt seine Zeit in der Tagesschau“, sagte sie mit Blick auf die Kritik mancher Rot-Rot-Grünen an den mahnenden Fragen Joachim Gaucks zur Erfurter Regierungsbildung. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel wollte offenbar – und womöglich auch mit Blick auf die Tagesschau – das Zeichen setzen, dass Berlin nicht Erfurt sei. Nach Biermanns Darbietung ging er jedenfalls zu dem Liedermacher herüber und umarmte ihn. Es folgte Merkel, die dem Drachentöter dankte. Sie beließ es bei einem Schulterklopfen.

Weitere Themen

Finanzminister Scholz fordert mehr Optimismus Video-Seite öffnen

Hoffnung für den Sommer : Finanzminister Scholz fordert mehr Optimismus

„Ich glaube, die Hoffnung muss irgendwie so sein, dass nicht alle denken, das geht jetzt immer so weiter. Sondern irgendwie das Gefühl beinhalten, im Sommer diesen Jahres sitzen wir auch irgendwann mal im Biergarten", sagt Finanzminister Olaf Scholz.

Topmeldungen

Wie lange noch? Noch steht Armin Laschet im Schatten von Angela Merkel.

Allensbach-Umfrage : Kanzlerpartei im Ungewissen

Das Meinungsklima für die Union ist aktuell nicht schlecht. Das liegt aber immer noch vor allem an der Kanzlerin. Der neue CDU-Vorsitzende Armin Laschet muss sich erst noch profilieren.
An der frischen Luft ist das Risiko gering, urteilen die Wissenschaftler.

Wege aus dem Lockdown : So können Lockerungen laut RKI gelingen

Das RKI hat detailliert aufgeschlüsselt, wann man Corona-Maßnahmen lockern kann und unter welchen Bedingungen sie verschärft werden sollten. Das Modell unterscheidet sich vom bisherigen Vorgehen. Landespolitiker müssten umdenken.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.